Fremde Genüsse

In Bittere Orangen, dem neuen Roman von Claire Fuller, deren Eine englische Ehe mich im letzten Jahr begeistert hat, ist nichts, wie es scheint. Die Ich-Erzählerin Frances liegt in einer zunächst nicht näher bezeichneten Einrichtung auf dem Sterbebett, neben ihr sitzt ein Pastor, der sie dazu bringen will zu beichten. Allein um ihren Seelenfrieden scheint es ihm dabei nicht zu gehen, in seinen Fragen schwingen auch kriminologische Neugier und Sensationslust mit.

Der Pastor fragt mich, was ich bereue und ob ich ein ruhiges Gewissen habe, und dann flüstert er: „Erzählen Sie, was wirklich geschehen ist.“

Es muss etwas Schlimmes passiert sein in der Vergangenheit. Aber von Anfang an ist klar, dass Frances nicht einfach erzählen wird, was sie weiß. Sie spielt ein Spiel mit dem Pastor, so wie Claire Fuller mit uns.

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Wer hat es verdient?

Eine französische Großfamilie trifft sich bei der Beerdigung von Onkel Simon und Tante Tamara, die immer der Dreh- und Angelpunkt der Familie waren und nun im hohen Alter im Abstand von wenigen Stunden gestorben sind. Da sie gut betucht waren und keine Kinder hatten, rechnen sich sämtliche Hinterbliebenen – eine betagte Schwester, diverse Nichten und Neffen – Chancen aufs Erbe aus. Allerdings ist, wie sich bereits auf dem Weg zur Friedhofskapelle herumspricht, das Testament abhandengekommen, es existiert nur eine Kopie, die juristisch nichts wert ist. Man wird sich verständigen müssen. „Wer hat es verdient?“ weiterlesen

Sex, Lügen und Champagner – Agieren im menschlichen Chaos

Christian Kauffmann mag keine Überraschungen und keine Unwägbarkeiten. Er ist kein Mann der Tat, er guckt lieber zu und tut, was von ihm erwartet wird, emotionale Stürme sind ihm fremd. Vielleicht ist er deshalb auf eine renommierte Butler-Schule gegangen und nimmt seinen ersten Job bei einer mehr als gut situierten Züricher Familie an. Denn dort hat alles seine Ordnung, und auch er hat seinen klar bestimmten Platz, den des dienenden, die Ordnung erhaltenden Beobachters. Und es gibt Einiges zu beobachten im Hause Hobbs. Da ist die schöne, lässig-ironische Frau Hobbs, „Sex, Lügen und Champagner – Agieren im menschlichen Chaos“ weiterlesen

Das innere Erleben ist alles

Drei Romane, die viel gemeinsam haben, einer druckfrisch, einer acht Jahre alt, der andere bald neunzig. In allen geht es um sechs miteinander befreundete Figuren, drei Männer und drei Frauen, und in allen tritt die äußere Handlung hinter das innere Erleben dieser sechs zurück. Die Ähnlichkeit ist kein Zufall. Christina Hesselholdt und Véronique Olmi erweisen sich mit diesen Büchern als Epigoninnen von Virginia Woolf.

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Freuds berühmteste Patientin

Ida Bauer ist gerade einmal achtzehn Jahre alt, als ihr Vater sie kurz vor der Jahrhundertwende zu dem damals noch nicht besonders bekannten Sigmund Freud schickt. Dieser entwickelt gerade seine Triebtheorie und sieht die Möglichkeit, sie an Idas Beispiel durchzuexerzieren. Er diagnostiziert eine petite hystérie und stellt die junge Frau unter dem Decknamen Dora ins Zentrum seiner Veröffentlichung Bruchstück einer Hysterie-Analyse – „Bruchstück“, weil Ida die Behandlung bald abbrach, wofür sie später von Feministinnen verehrt und von Freud-Anhängern verurteilt wurde. Jetzt hat Katharina Adler, die Urenkelin von Ida Bauer, einen Roman vorgelegt, der eine fiktionalisierte Biografie Ida Bauers ist. In diesem setzt Katharina Adler die Freud-Episode in den Kontext eines ganzen Lebens und stellt ihre Urgroßmutter nicht als Patientin dar, sondern versucht sie als Menschen zu verstehen. „Freuds berühmteste Patientin“ weiterlesen

Die Dauer lebenslanger Liebe

Als sich Antonia und Edgar Anfang der Sechzigerjahre in Hamburg begegnen, fühlen sich die beiden so unterschiedlichen Menschen sofort zueinander hingezogen. Antonia ist Optimistin, sie ist überschwänglich und voller Energie, Edgar neigt dazu, sich Sorgen zu machen, ist zurückhaltend und vorsichtig. Die Konventionen der Wirtschaftswunderzeit machen es dem Liebespaar nicht leicht. Wenn man wie Antonia zur Untermiete wohnt, ist Herrenbesuch nach 22 Uhr ein Problem, auch wenn man längst über zwanzig ist. Und die Pille würde ihr der Arzt auch nur verschreiben, wenn sie verheiratet wäre und schon mehrere Geburten vorzuweisen hätte. Bevor sie jedoch heiraten können, „Die Dauer lebenslanger Liebe“ weiterlesen

Entführt in eine andere Welt

Lange habe ich nichts so Fesselndes gelesen, das solch einen Sog entfaltet und einen derart in seine ganz eigene Welt zieht. Im Mittelpunkt dieses erstmals 1932 erschienenen Romans, der einer BBC-Umfrage zufolge seit Jahren das Lieblingsbuch der Schotten ist, steht die Bauerntochter Chris Guthrie. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts lebt sie mit ihren Eltern und mehreren Geschwistern unter kargen Bedingungen auf Blawearie, einem kleinen Hof im Nordosten Schottlands. Chris ist eine beeindruckende Frauenfigur, deren Wunsch nach Bildung so groß ist wie ihre Liebe zu dem Land, auf dem sie aufwächst:

„So sahs also bei Chris aus mit ihrem Lesen und ihrem Lernen, zwei Chris’ gab es, die kämpften um ihr Herz und setzten ihr zu. Den einen Tag hasstest du das Land und das rohe Reden der Leute, und das Lernen war schön und recht, und am nächsten Tag „Entführt in eine andere Welt“ weiterlesen

Große Pläne, kleine Feuer

Das Haus der Richardsons brennt gleich auf der ersten Seite. Mrs. Richardson, die an diesem Vormittag ganz entgegen ihrer Gewohnheit (und ihre Gewohnheiten sind eigentlich in Stein gemeißelt) lange geschlafen hat, hat sie selbst entdeckt: kleine Feuer überall, in jedem Schlafzimmer der sechsköpfigen Familie. Im Bademantel wartet sie an der Straße auf die Feuerwehr, auf ihren Anwaltsgatten, ihre zwei Söhne und zwei Töchter im Alter zwischen vierzehn und siebzehn Jahren. Bald sind alle da und sehen gemeinsam das Haus abbrennen, alle bis auf eine. Es fehlt die jüngste Tochter Izzie, Hitz- und Querkopf und deshalb das schwarze Schaf der Familie. Es sind sich alle einig, dass nur sie die Feuer gelegt haben kann.  „Große Pläne, kleine Feuer“ weiterlesen

Ganz normale Frauen zwischen Drama und Selbstironie

„Mit jeder neuen Lebensphase stand man wieder bei Ikea, jede Hoffnung begann und endete dort.“ Das ist einer dieser wunderbaren Lucy-Fricke-Sätze, und er bringt auf den Punkt, was ihren neuen Roman Töchter ausmacht: Ihre Protagonistinnen, die nebenan wohnen könnten, reflektieren das Leben so klug wie ironisch, sie sind fast vierzig (die Autorin ist Jahrgang 1974), haben Herz und Verstand, und sie haben die ersten Verluste und Enttäuschungen des Lebens hinter sich. „Ganz normale Frauen zwischen Drama und Selbstironie“ weiterlesen

Von Wunden und Wundern

Das Leben von Rose Bowan ist alles andere als spektakulär. Sie ist 34, unfruchtbar und leitet zusammen mit ihrer Mutter ein altes Programmkino. Wenn sie sich dienstags und freitags mit ihrem etwas zwanghaft veranlagten Freund trifft, täuscht sie ihre Orgasmen vor, überhaupt kann sie sich seit langem nur aus Mitleid überwinden, sich einem Mann hinzugeben. Eines Tages verliert sie während eines Gewitters das Bewusstsein und findet sich im Körper einer anderen Frau wieder. Sie ist gewissermaßen zu Gast in diesem Körper, über den sie keine Kontrolle hat, spürt aber genau, was diese fremde Frau spürt – und es ist vollkommen anders, als alles, was sie kennt. Jede Wahrnehmung ist sinnlicher, jede Berührung intensiver. „Von Wunden und Wundern“ weiterlesen