Linderung durch Eichhörnchen

Wenn ein Buch mit einem unerwarteten Heiratsantrag beginnt, der überrascht angenommen wird, dann ist die entscheidende Frage, ob es am Ende auf das klassischste aller Happy Endings hinauslaufen wird oder nicht. Veblen, die Protagonistin von Elizabeth McKenzies Roman Im Kern eine Liebesgeschichte, ist Anfang dreißig und arbeitet in Palo Alto, Kalifornien, für eine Zeitarbeitsfirma. Ihren Freund Paul kennt sie noch gar nicht so lange, und eigentlich ist sie mit ihrem Leben ganz zufrieden, so wie es ist. Continue reading „Linderung durch Eichhörnchen“

Fremde Genüsse

In Bittere Orangen, dem neuen Roman von Claire Fuller, deren Eine englische Ehe mich im letzten Jahr begeistert hat, ist nichts, wie es scheint. Die Ich-Erzählerin Frances liegt in einer zunächst nicht näher bezeichneten Einrichtung auf dem Sterbebett, neben ihr sitzt ein Pastor, der sie dazu bringen will zu beichten. Allein um ihren Seelenfrieden scheint es ihm dabei nicht zu gehen, in seinen Fragen schwingen auch kriminologische Neugier und Sensationslust mit.

Der Pastor fragt mich, was ich bereue und ob ich ein ruhiges Gewissen habe, und dann flüstert er: „Erzählen Sie, was wirklich geschehen ist.“

Es muss etwas Schlimmes passiert sein in der Vergangenheit. Aber von Anfang an ist klar, dass Frances nicht einfach erzählen wird, was sie weiß. Sie spielt ein Spiel mit dem Pastor, so wie Claire Fuller mit uns.

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Wer hat es verdient?

Eine französische Großfamilie trifft sich bei der Beerdigung von Onkel Simon und Tante Tamara, die immer der Dreh- und Angelpunkt der Familie waren und nun im hohen Alter im Abstand von wenigen Stunden gestorben sind. Da sie gut betucht waren und keine Kinder hatten, rechnen sich sämtliche Hinterbliebenen – eine betagte Schwester, diverse Nichten und Neffen – Chancen aufs Erbe aus. Allerdings ist, wie sich bereits auf dem Weg zur Friedhofskapelle herumspricht, das Testament abhandengekommen, es existiert nur eine Kopie, die juristisch nichts wert ist. Man wird sich verständigen müssen. Continue reading „Wer hat es verdient?“

Sex, Lügen und Champagner – Agieren im menschlichen Chaos

Christian Kauffmann mag keine Überraschungen und keine Unwägbarkeiten. Er ist kein Mann der Tat, er guckt lieber zu und tut, was von ihm erwartet wird, emotionale Stürme sind ihm fremd. Vielleicht ist er deshalb auf eine renommierte Butler-Schule gegangen und nimmt seinen ersten Job bei einer mehr als gut situierten Züricher Familie an. Denn dort hat alles seine Ordnung, und auch er hat seinen klar bestimmten Platz, den des dienenden, die Ordnung erhaltenden Beobachters. Und es gibt Einiges zu beobachten im Hause Hobbs. Da ist die schöne, lässig-ironische Frau Hobbs, Continue reading „Sex, Lügen und Champagner – Agieren im menschlichen Chaos“

Das innere Erleben ist alles

Drei Romane, die viel gemeinsam haben, einer druckfrisch, einer acht Jahre alt, der andere bald neunzig. In allen geht es um sechs miteinander befreundete Figuren, drei Männer und drei Frauen, und in allen tritt die äußere Handlung hinter das innere Erleben dieser sechs zurück. Die Ähnlichkeit ist kein Zufall. Christina Hesselholdt und Véronique Olmi erweisen sich mit diesen Büchern als Epigoninnen von Virginia Woolf.

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Freuds berühmteste Patientin

Ida Bauer ist gerade einmal achtzehn Jahre alt, als ihr Vater sie kurz vor der Jahrhundertwende zu dem damals noch nicht besonders bekannten Sigmund Freud schickt. Dieser entwickelt gerade seine Triebtheorie und sieht die Möglichkeit, sie an Idas Beispiel durchzuexerzieren. Er diagnostiziert eine petite hystérie und stellt die junge Frau unter dem Decknamen Dora ins Zentrum seiner Veröffentlichung Bruchstück einer Hysterie-Analyse – „Bruchstück“, weil Ida die Behandlung bald abbrach, wofür sie später von Feministinnen verehrt und von Freud-Anhängern verurteilt wurde. Jetzt hat Katharina Adler, die Urenkelin von Ida Bauer, einen Roman vorgelegt, der eine fiktionalisierte Biografie Ida Bauers ist. In diesem setzt Katharina Adler die Freud-Episode in den Kontext eines ganzen Lebens und stellt ihre Urgroßmutter nicht als Patientin dar, sondern versucht sie als Menschen zu verstehen. Continue reading „Freuds berühmteste Patientin“

Die Dauer lebenslanger Liebe

Als sich Antonia und Edgar Anfang der Sechzigerjahre in Hamburg begegnen, fühlen sich die beiden so unterschiedlichen Menschen sofort zueinander hingezogen. Antonia ist Optimistin, sie ist überschwänglich und voller Energie, Edgar neigt dazu, sich Sorgen zu machen, ist zurückhaltend und vorsichtig. Die Konventionen der Wirtschaftswunderzeit machen es dem Liebespaar nicht leicht. Wenn man wie Antonia zur Untermiete wohnt, ist Herrenbesuch nach 22 Uhr ein Problem, auch wenn man längst über zwanzig ist. Und die Pille würde ihr der Arzt auch nur verschreiben, wenn sie verheiratet wäre und schon mehrere Geburten vorzuweisen hätte. Bevor sie jedoch heiraten können, Continue reading „Die Dauer lebenslanger Liebe“