Kurz und knapp: Lieblingslektüren der letzten Zeit

„Es gibt verschiedene Arten, gegen ein gebrochenes Herz vorzugehen, aber der Besuch einer Fachtagung dürfte eine der unüblicheren sein.“

So beginnt Barbara Pyms Roman „In feiner Gesellschaft“ und hatte mich damit sofort. Dulcie Mainwaring ist von ihrem Verlobten sitzengelassen worden, hat einige Zeit gelitten und nun beschlossen, sich abzulenken und neue Kontakte zu knüpfen. Das führt dazu, dass sie schon bald nicht mehr allein in ihrem viel zu großen Elternhaus lebt, sondern zusammen mit zwei Frauen, denen sie sich zwar nicht besonders nahe fühlt, mit denen ihr Leben aber fortan eng verknüpft ist. Pym, die oft als Jane Austen des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet wurde, schafft ein Szenario, in dem erstmal niemand die liebt, von der er geliebt wird, und das ist – wie bei Austen – deshalb so gut und so unterhaltsam, weil es so normal ist und so entscheidend und so treffend und ironisch beobachtet. 

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Ein Bild aus blinden Flecken

Warum stellen Banken und Kreditkartenunternehmen so oft die Frage nach dem Geburtsnamen der Mutter? Weil ihn kaum noch jemand kennt, weil er nicht mehr vorkommt, weil er getilgt ist – und damit eine der besten Sicherheitsfragen.

Der Originaltitel von Rebecca Solnits Unziemliches Verhalten lautet wörtlich übersetzt „Erinnerungen an meine Nicht-Existenz“, denn es geht der Autorin um Formen der Auslöschung wie diese. Es geht ihr um den Raum, den Frauen in unserer Kultur nicht einnehmen, nicht einzunehmen haben, und es geht ihr um die Mechanismen, die dafür sorgen. Solnit führt zahlreiche Beispiele aus den unterschiedlichsten Bereichen unserer Kultur an, von der Marginalisierung bis zum Mord, die ein schockierendes, trauriges Gesamtbild ergeben. Ein Bild, an das wir so gewöhnt sind, dass wir ganze Bereiche gar nicht wahrnehmen, ein Bild aus blinden Flecken.

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Porträt der Künstlerin als junge Frau

„Und?“ sagt er, bevor ich zu weit von ihm weggelangen kann, „was macht der Roman?“ Er sagt es, als wäre das Wort meine Privaterfindung. […] Wieviele Seiten hast du jetzt schon?“

„Sowas wie zweihundert.“ Ich bleibe nicht stehen. Bis zu dem Anbau an der Garage sind es nur noch ein paar Schritte.

„Weißt du“, er stößt sich von seinem Auto ab, wartet, bis er meine volle Aufmerksamkeit hat, „ich staune nur immer wieder, dass du glaubst, du hättest etwas zu sagen.“

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„Das war der Versuch der Vernichtung“

Marlene Streeruwitz, die am 28. Juni 2020 ihren siebzigsten Geburtstag feiert, blickt auf ein umfangreiches und vielseitiges Werk, bestehend aus Dramen und Hörspielen, Romanen, Essays und Poetik-Vorlesungen. Als eine der innovativsten und bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen, die sich immer auch politisch geäußert hat, ist sie mit zahlreichen Preisen geehrt worden und erhält in diesem Jahr den Preis der Literaturhäuser. Ich habe mit ihr über den Verriss ihres ersten Romans durch Marcel Reich-Ranicki gesprochen, darüber, wie sich Literaturkritik seitdem verändert hat, und über den Stand in Sachen Gleichberechtigung. „„Das war der Versuch der Vernichtung““ weiterlesen

Kurz und knapp: Fünf Lieblingslektüren der letzten Zeit

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Zwei seit langer Zeit befreundete, in London lebende Paare, die zusammen ihre Urlaube und ihre Freizeit verbringen. Die Töchter sind inzwischen ausgezogen, es wäre also Zeit, sich wieder in Ruhe den eigenen Interessen und einander zu widmen – da stirbt einer von ihnen unerwartet. Das ist nicht nur ein Schock für die verbliebenen drei, es bringt auch das Gleichgewicht ihrer Freundschaft ins Wanken. Dabei hilft nicht, dass die Frauen in ihrer Jugend jeweils mit dem Ehemann der anderen liiert waren. „Kurz und knapp: Fünf Lieblingslektüren der letzten Zeit“ weiterlesen

Mein Zorn ist längst verraucht

Am 11. April jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag von Marlen Haushofer

Lieber Herr Weigel!

Ich antworte gleich auf Ihren Brief, damit Sie sich auch nicht die geringsten Sorgen meinetwegen machen müssen. Ich bin sehr froh, daß Sie so aufrichtig zu mir sind. Daß ich ein recht schwerer Fall bin, weiß ich ja selber auch. Es stimmt nicht, daß ich nicht idyllisch sein will. Ich möchte sehr gern, aber das wäre gelogen. Gerade diese Mischung von Dämonie u. Idylle, auf die ich unentwegt stoße, bereitet mir das größte Unbehagen u. fasziniert mich zugleich. Vielleicht wäre es meine Aufgabe gerade das glaubwürdig zu gestalten. Wahrscheinlich fehlt mir dazu die dichterische Kraft. Oder ich müßte einmal ein paar Monate allein sein u. Ruhe haben. „Mein Zorn ist längst verraucht“ weiterlesen

Kurz und knapp: Drei Romane und zwei Sachbücher

In den letzten Wochen haben mich drei Romane und zwei Sachbücher begeistert, vier davon noch neu, eins – Seitenwechsel von Nella Larsen – eine Wiederentdeckung des Dörlemann Verlags, die schon vor ein paar Jahren erschien, für mich aber neu war. In Kanada und in den USA ist der Februar unter der Überschrift Black History Month dem Beitrag der Afroamerikaner*innen zur amerikanischen Geschichte und Kultur gewidmet – für mich bisher ein sehr vernachlässigtes Gebiet. Das soll sich ändern. „Kurz und knapp: Drei Romane und zwei Sachbücher“ weiterlesen

Die Großartigkeit von Zora Neale Hurston

Vor sechzig Jahren starb Zora Neale Hurston, eine der wichtigsten Stimmen der afroamerikanischen Literatur.

 

Schiffe in der Ferne haben jedermanns Wunsch an Bord. Für manche treffen sie mit der Flut ein. Für andere fahren sie immer am Horizont dahin, nie außer Sicht, nie ein in den Hafen, bis der Ausschauer resigniert die Augen abwendet, da ihm an der kalten Schulter der Zeit die Träume gestorben sind.

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Mit Dolby-Surround im Viktorianismus

Mein Lesejahr endete mit einem tausendseitigen Lesevergnügen, einem Roman, der noch in anderer Hinsicht superlativisch ist. Middlemarch, George Eliots Hauptwerk, wurde in England vor wenigen Jahren von einer internationalen Jury zum bedeutendsten britischen Roman aller Zeiten gewählt – vor Jane Austen, den Brontës, Charles Dickens oder Virginia Woolf. Julian Barnes und Martin Amis halten ihn für den größten Roman englischer Sprache und betonen, wie beispielsweise auch Siri Hustvedt, immer wieder, welch große Bedeutung dieser Roman für sie hat.

George Eliot, die eigentlich Mary Ann Evans hieß, wurde 1819 geboren und sollte die bestbezahlte und meistgelesene Autorin ihrer Zeit werden. Sie wurde von weiten Kreisen verehrt wie eine Heilige, von anderen allerdings als „Stinkbombe der Menschheit“ verdammt. Dazu später mehr. „Mit Dolby-Surround im Viktorianismus“ weiterlesen