Direkt auf die Katastrophe zu

Eigentlich hatte ich gar nicht vor, diesen 870-Seiten-Roman zu lesen. Keine Zeit, zu viel anderes, was ich lesen will und muss, und so richtig gereizt hat mich die Geschichte eines mittelalten Verlegers in der Krise auf den ersten Blick auch nicht. Aber dann hat einer meiner Lieblingsbuchhändler, Frank Menden aus der Hamburger Buchhandlung stories!, sehr geschwärmt von diesem Debüt der 34-jährigen schwedischen Autorin und praktizierenden Psychologin Lydia Sandgren. Ein bisschen wie Netflix gucken wäre es, er hätte den Roman trotz seines Umfangs an wenigen freien Tagen durchgelesen. Also habe ich mal reingeguckt – und konnte das Buch für ein paar Tage kaum aus der Hand legen. Es ist perfekt geeignet, wenn man für einige Zeit ganz in eine Geschichte abtauchen möchte, und es ist tatsächlich ein bisschen, als würde man eine skandinavische Serie gucken: Sandgren lässt sich Zeit (aber nicht zu viel Zeit), ihre Figuren und Handlungsbögen zu entwickeln, alles ist sehr anschaulich geschildert, ohne dass sie sich zu ausführlich in Beschreibungen erginge, die Dialoge sind gut, es liest sich süffig.

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In eigener Sache – Eine Art Newsletter

Ausgerechnet in einer Zeit, in der viele neue Abonennt*innen dazu gekommen sind, hat es hier auf dem Blog wenig Neues zu lesen gegeben. Das liegt daran, dass ich im Frühjahr unter Zeitdruck mein Buch (und dann andere liegen gebliebene Projekte) fertiggestellt habe, und nach dem Sommer mit FRAUEN LITERATUR, Abgewertet, Vergessen, Wiederentdeckt auf Reisen war. Und weil so viel Ungewohntes und Tolles los war, gibt es heute einen Blogbeitrag genau darüber. Es wird einen kurzen Reisebericht geben, ein paar Links zu ausgewählten Interviews, Radiobeiträgen und einem Fernsehbeitrag und am Ende noch ein paar Buchtipps, denn ganz ohne geht es dann doch nicht.

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Vom Welt-Erzählen und vom Ich-Erzählen

Laudatio auf Katrin Seddig im Rahmen der Verleihung des Hubert-Fichte-Preises am 2. September 2021 im Literaturhaus Hamburg

„Es ist gut, dass die Hamburgerinnen und Hamburger in diesen Tagen solidarisch zusammenstehen“ – Dieser Satz von Olaf Scholz zu den Ereignissen rund um den G20-Gipfel 2017 ist Katrin Seddigs Roman Sicherheitszone vorangestellt. 

Von Solidarität haben die Straßenszenen und Nachrichtenbilder wenig erzählt. Es waren brennende Barrikaden zu sehen, Polizei und Demonstrierende, die sich bekämpfen. Hamburger und Hamburgerinnen auf beiden Seiten. Katrin Seddig hat für ihren jüngsten Roman ganz nah herangezoomt an ein Ereignis, das die Stadt gespalten hat, an diesen Gipfel, der für viele ein Schock war. Sie hat die sich gegenüberstehenden Gruppen von Nahem gezeigt und auch die vermeintlich Unbeteiligten. In Sicherheitszone sind sie alle Teil einer Familie, mit der Nähe, aber vor allem auch mit der Distanz, die das mit sich bringt. 

Auch von Helden, wie sie nach G20 von der Politik und Teilen der Presse beschworen wurden, erzählt dieser Roman nicht. Gerade Katrin Seddigs Polizist ist kein Held, sondern ein Mensch mit Zweifeln und Schwächen, der Fehler macht, genau wie seine Kollegen und Kolleginnen. Der Roman zieht diese öffentlichen Zuschreibungen nicht nur in Zweifel, er zeigt ihre Absurdität. 

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Menschen, die heroisch sind, interessieren mich nicht

Heute Abend bekommt die Autorin Katrin Seddig für ihr schriftstellerisches Werk von der Stadt Hamburg den Hubert-Fichte-Preis verliehen, der alle vier Jahre an eine*n in Hamburg lebende*n Schriftsteller*in vergeben wird. Ich durfte in diesem Jahr Mitglied der Jury sein und freue mich ganz besonders über diese Gewinnerin, die ich im Vorfeld der Preisverleihung getroffen habe. Wir haben über ihre Lieblingsautor*innen gesprochen, über den G20-Gipfel in Hamburg, der den Hintergrund für ihren jüngsten Roman Sicherheitszone bildet, und darüber, dass unpolitisch sein auch eine politische Haltung ist.

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Bücherfrühling 2021, die zweite

Was leider in der letzten Zeit auf meinem Blog viel zu kurz kommt: ausführliche Rezensionen, die sich ein Buch ganz genau ansehen. Das soll wieder anders werden, aber heute ist es noch nicht so weit. Da mir nicht alle Abonennt*innen auf Instagram oder Twitter folgen und wahrscheinlich die wenigsten regelmäßig die Neuigkeiten auf dem Blog anklicken oder sich die Seitenleiste genauer ansehen (in der mobilen Version nicht rechts, sondern ganz unten), schicke ich den heutigen Kurzrezensionen dieses anhaltend tollen Bücherfrühlings ein paar Anmerkungen in eigener Sache voraus. 

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Kurz und Knapp: Bücherfrühling 2021

In den letzten Monaten war auf dem Blog leider nicht viel los, weil ich an meinem eigenen Sachbuch gearbeitet habe, FRAUEN LITERATUR, das im September bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen wird – dazu bald mehr. Da dieser Bücherfrühling aber einer der spannendsten seit langem ist, wird es höchste Zeit, ein paar literarische Neuerscheinungen vorzustellen. Diesmal dabei: fünf deutsche Autorinnen, die sich Themen widmen, von denen bisher viel zu wenig geschrieben und gesprochen wurde, eine Übersetzung aus dem Koreanischen, für die dasselbe gilt, und eine sehr lesenswerte, frisch ins Deutsche übersetzte englische Wiederentdeckung. 

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Bilder von Virginia Woolf

Vor achtzig Jahren, am 28. März 1941, starb Virginia Woolf, die wohl größte Autorin der literarischen Moderne – eine Figur, die bis heute fasziniert und für ganz Widersprüchliches steht. 

„Zwei Bücher über Virginia Woolf sind gerade erschienen – in Frankreich & Deutschland. Das ist ein Alarmzeichen. Ich darf nicht zur Figur erstarren.“ Die Sorge, die Virginia Woolf in diesem Tagebucheintrag vom 24. März 1932 beschäftigt – da war sie fünfzig –, sollte sich als begründet erweisen. Heute ist sie eine Ikone. Und das nicht nur an den literaturwissenschaftlichen Instituten, sondern auch im Bereich der Popkultur. Die Postkarte, die sich in der Londoner National Portrait Gallery am häufigsten verkauft, ist die mit ihrem Bild, und ihr Gesicht findet sich auch auf T-Shirts und Kaffeetassen. Fotos von Virginia Woolf wurden für verschiedene Werbekampagnen benutzt. Anfang der 1990er Jahre ersetzte ihr Gesicht in den Anzeigen der New York Review of Books das von Shakespeare, mit dem die Zeitschrift seit ihrem Bestehen geworben hatte. Auch für den Verkauf weniger intellektueller Dinge wie Kleidung und Bier musste es herhalten, selbst die Kommunistische Partei Roms warb mit Woolfs Bild. Es liegt nahe, sich ihr Gesicht von Andy Warhol vielfach reproduziert vorzustellen, so bekannt sind einige Fotografien – vor allem die Profilaufnahme, die G. C. Beresford von der zwanzigjährigen Virginia Stephen in weißer Bluse machte (oben in der Mitte – das Bild, das am häufigsten für Postkarten & Co verwendet wird), aber auch die Fotos, die Gisèle Freund (in der Collage links) und Man Ray (ganz rechts) von der älteren Virginia Woolf aufgenommen haben. Woolf ist zum geistigen Pendant von Marilyn Monroe geworden. Symbolisiert Monroe den weiblichen Körper, repräsentiert Woolf den weiblichen Geist, gilt Monroe als Sexsymbol, ist Woolf die Intellektuelle. Sie ist die einzige Schriftstellerin der Moderne, die heute in einer Reihe mit Marcel Proust und James Joyce genannt wird. Das Gesicht und den Namen dieser Frau kennt man, selbst wenn man nicht viel mehr wissen sollte oder noch nie etwas von ihr gelesen hat. 

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Dem Vergessen entrissen: Gabriele Reuter – der weibliche Fontane?

Im Herbst 1895 erschienen zwei Romane, deren Protagonistinnen letztlich an der Unmenschlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse zugrundegehen. Die eine ist in ihrer arrangierten Ehe einsam und unglücklich und beginnt eine Affäre. Als diese Jahre später bekannt wird, fordert ihr wesentlich älterer Ehemann den ehemaligen Liebhaber zum Duell und lässt sich scheiden. Auch von ihren Eltern wird die junge Frau verstoßen. Erst lange darauf – sie ist inzwischen todkrank – nehmen sie sie wieder auf. Die andere, ebenfalls eine höhere Tochter im Wilhelminischen Deutschland, versucht sich auf der ihr vorgezeichneten Lebensbahn – Jungfrau, Gattin und Mutter – zurechtzufinden. Sie hat zutiefst verinnerlicht, was von ihr erwartet wird, und will alles richtig machen; die Steine, die ihr in den Weg gelegt werden, machen es ihr jedoch zunehmend unmöglich, auf diesem erwünschten Weg zu bleiben. Sie wird immer unglücklicher mit den wenigen Möglichkeiten, die ihr als Frau zu dieser Zeit im Leben offenstehen. Auch sie fällt schließlich durch das Raster des gesellschaftlich Akzeptierten und endet krank und allein. 

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„Meine Frau schreibt auch ein bisschen“

Was treibt Schriftstellerinnen zum Schreiben? Womit kämpfen sie im Alltag? Wie werden sie wahrgenommen? Die ZEITmagazin-Redakteurin Ilka Piepgras hat ein Buch mit Essays herausgegeben, in denen Autorinnen diesen Fragen nachgehen. Es sind 23 Texte von Autorinnen wie Anne Tyler, Joan Didion und Siri Hustvedt, die zum Teil erstmals ins Deutsche übersetzt wurden, sowie neue Texte deutscher Autorinnen wie Katharina Hagena, Elfriede Jelinek und Sibylle Berg. Ich habe mich mit der Herausgeberin über ihre sehr lesenswerte Auswahl unterhalten.

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3. Nacht-und-Tag-Lesekreis: Brigitte Reimann

Als 1998 der erste Band der Tagebücher von Brigitte Reimann erschien, einer der wichtigsten Schriftsteller*innen der DDR, konnte ich ihn kaum beiseitelegen. Der Verlauf von Reimanns leidenschaftlichen Lieben, der DDR-Alltag, ihr anfänglicher Idealismus, die Entwicklung von Staat und Regime im Laufe der Jahre und das Mit- und Gegeneinander der Schriftsteller*innen des Landes – all das war mit mitreißender Unmittelbarkeit beschrieben, mit einer ganz eigenen Stimme und mit Sinn für Komik. Was ich aus irgendwelchen Gründen bisher trotzdem nie gelesen hatte, war Reimanns einziger, unvollendet gebliebener Roman, Franziska Linkerhand, ein Buch, das für viele Leser*innen große Bedeutung hat, wie mir durch die Aktion #autorinnenschuber klar wurde, und das Kindlers Neues Literaturlexikon „eins der wichtigsten und schönsten Bücher in der gesamtdeutschen Literatur“ nennt.

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