Dem Vergessen entrissen: Gabriele Reuter – der weibliche Fontane?

Im Herbst 1895 erschienen zwei Romane, deren Protagonistinnen letztlich an der Unmenschlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse zugrundegehen. Die eine ist in ihrer arrangierten Ehe einsam und unglücklich und beginnt eine Affäre. Als diese Jahre später bekannt wird, fordert ihr wesentlich älterer Ehemann den ehemaligen Liebhaber zum Duell und lässt sich scheiden. Auch von ihren Eltern wird die junge Frau verstoßen. Erst lange darauf – sie ist inzwischen todkrank – nehmen sie sie wieder auf. Die andere, ebenfalls eine höhere Tochter im Wilhelminischen Deutschland, versucht sich auf der ihr vorgezeichneten Lebensbahn – Jungfrau, Gattin und Mutter – zurechtzufinden. Sie hat zutiefst verinnerlicht, was von ihr erwartet wird, und will alles richtig machen; die Steine, die ihr in den Weg gelegt werden, machen es ihr jedoch zunehmend unmöglich, auf diesem erwünschten Weg zu bleiben. Sie wird immer unglücklicher mit den wenigen Möglichkeiten, die ihr als Frau zu dieser Zeit im Leben offenstehen. Auch sie fällt schließlich durch das Raster des gesellschaftlich Akzeptierten und endet krank und allein. 

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„Meine Frau schreibt auch ein bisschen“

Was treibt Schriftstellerinnen zum Schreiben? Womit kämpfen sie im Alltag? Wie werden sie wahrgenommen? Die ZEITmagazin-Redakteurin Ilka Piepgras hat ein Buch mit Essays herausgegeben, in denen Autorinnen diesen Fragen nachgehen. Es sind 23 Texte von Autorinnen wie Anne Tyler, Joan Didion und Siri Hustvedt, die zum Teil erstmals ins Deutsche übersetzt wurden, sowie neue Texte deutscher Autorinnen wie Katharina Hagena, Elfriede Jelinek und Sibylle Berg. Ich habe mich mit der Herausgeberin über ihre sehr lesenswerte Auswahl unterhalten.

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3. Nacht-und-Tag-Lesekreis: Brigitte Reimann

Als 1998 der erste Band der Tagebücher von Brigitte Reimann erschien, einer der wichtigsten Schriftsteller*innen der DDR, konnte ich ihn kaum beiseitelegen. Der Verlauf von Reimanns leidenschaftlichen Lieben, der DDR-Alltag, ihr anfänglicher Idealismus, die Entwicklung von Staat und Regime im Laufe der Jahre und das Mit- und Gegeneinander der Schriftsteller*innen des Landes – all das war mit mitreißender Unmittelbarkeit beschrieben, mit einer ganz eigenen Stimme und mit Sinn für Komik. Was ich aus irgendwelchen Gründen bisher trotzdem nie gelesen hatte, war Reimanns einziger, unvollendet gebliebener Roman, Franziska Linkerhand, ein Buch, das für viele Leser*innen große Bedeutung hat, wie mir durch die Aktion #autorinnenschuber klar wurde, und das Kindlers Neues Literaturlexikon „eins der wichtigsten und schönsten Bücher in der gesamtdeutschen Literatur“ nennt.

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Kurz und knapp: Lieblingslektüren der letzten Zeit

„Es gibt verschiedene Arten, gegen ein gebrochenes Herz vorzugehen, aber der Besuch einer Fachtagung dürfte eine der unüblicheren sein.“

So beginnt Barbara Pyms Roman „In feiner Gesellschaft“ und hatte mich damit sofort. Dulcie Mainwaring ist von ihrem Verlobten sitzengelassen worden, hat einige Zeit gelitten und nun beschlossen, sich abzulenken und neue Kontakte zu knüpfen. Das führt dazu, dass sie schon bald nicht mehr allein in ihrem viel zu großen Elternhaus lebt, sondern zusammen mit zwei Frauen, denen sie sich zwar nicht besonders nahe fühlt, mit denen ihr Leben aber fortan eng verknüpft ist. Pym, die oft als Jane Austen des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet wurde, schafft ein Szenario, in dem erstmal niemand die liebt, von der er geliebt wird, und das ist – wie bei Austen – deshalb so gut und so unterhaltsam, weil es so normal ist und so entscheidend und so treffend und ironisch beobachtet. 

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Ein Bild aus blinden Flecken

Warum stellen Banken und Kreditkartenunternehmen so oft die Frage nach dem Geburtsnamen der Mutter? Weil ihn kaum noch jemand kennt, weil er nicht mehr vorkommt, weil er getilgt ist – und damit eine der besten Sicherheitsfragen.

Der Originaltitel von Rebecca Solnits Unziemliches Verhalten lautet wörtlich übersetzt „Erinnerungen an meine Nicht-Existenz“, denn es geht der Autorin um Formen der Auslöschung wie diese. Es geht ihr um den Raum, den Frauen in unserer Kultur nicht einnehmen, nicht einzunehmen haben, und es geht ihr um die Mechanismen, die dafür sorgen. Solnit führt zahlreiche Beispiele aus den unterschiedlichsten Bereichen unserer Kultur an, von der Marginalisierung bis zum Mord, die ein schockierendes, trauriges Gesamtbild ergeben. Ein Bild, an das wir so gewöhnt sind, dass wir ganze Bereiche gar nicht wahrnehmen, ein Bild aus blinden Flecken.

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Porträt der Künstlerin als junge Frau

„Und?“ sagt er, bevor ich zu weit von ihm weggelangen kann, „was macht der Roman?“ Er sagt es, als wäre das Wort meine Privaterfindung. […] Wieviele Seiten hast du jetzt schon?“

„Sowas wie zweihundert.“ Ich bleibe nicht stehen. Bis zu dem Anbau an der Garage sind es nur noch ein paar Schritte.

„Weißt du“, er stößt sich von seinem Auto ab, wartet, bis er meine volle Aufmerksamkeit hat, „ich staune nur immer wieder, dass du glaubst, du hättest etwas zu sagen.“

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„Das war der Versuch der Vernichtung“

Marlene Streeruwitz, die am 28. Juni 2020 ihren siebzigsten Geburtstag feiert, blickt auf ein umfangreiches und vielseitiges Werk, bestehend aus Dramen und Hörspielen, Romanen, Essays und Poetik-Vorlesungen. Als eine der innovativsten und bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen, die sich immer auch politisch geäußert hat, ist sie mit zahlreichen Preisen geehrt worden und erhält in diesem Jahr den Preis der Literaturhäuser. Ich habe mit ihr über den Verriss ihres ersten Romans durch Marcel Reich-Ranicki gesprochen, darüber, wie sich Literaturkritik seitdem verändert hat, und über den Stand in Sachen Gleichberechtigung. „„Das war der Versuch der Vernichtung““ weiterlesen

Kurz und knapp: Fünf Lieblingslektüren der letzten Zeit

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Zwei seit langer Zeit befreundete, in London lebende Paare, die zusammen ihre Urlaube und ihre Freizeit verbringen. Die Töchter sind inzwischen ausgezogen, es wäre also Zeit, sich wieder in Ruhe den eigenen Interessen und einander zu widmen – da stirbt einer von ihnen unerwartet. Das ist nicht nur ein Schock für die verbliebenen drei, es bringt auch das Gleichgewicht ihrer Freundschaft ins Wanken. Dabei hilft nicht, dass die Frauen in ihrer Jugend jeweils mit dem Ehemann der anderen liiert waren. „Kurz und knapp: Fünf Lieblingslektüren der letzten Zeit“ weiterlesen

Mein Zorn ist längst verraucht

Am 11. April jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag von Marlen Haushofer

Lieber Herr Weigel!

Ich antworte gleich auf Ihren Brief, damit Sie sich auch nicht die geringsten Sorgen meinetwegen machen müssen. Ich bin sehr froh, daß Sie so aufrichtig zu mir sind. Daß ich ein recht schwerer Fall bin, weiß ich ja selber auch. Es stimmt nicht, daß ich nicht idyllisch sein will. Ich möchte sehr gern, aber das wäre gelogen. Gerade diese Mischung von Dämonie u. Idylle, auf die ich unentwegt stoße, bereitet mir das größte Unbehagen u. fasziniert mich zugleich. Vielleicht wäre es meine Aufgabe gerade das glaubwürdig zu gestalten. Wahrscheinlich fehlt mir dazu die dichterische Kraft. Oder ich müßte einmal ein paar Monate allein sein u. Ruhe haben. „Mein Zorn ist längst verraucht“ weiterlesen