In diesem Jahr habe ich viele tolle Bücher und vier wirklich außergewöhnliche Romane gelesen. Weil drei von diesen vier besonders dicke Bücher sind, die sich wunderbar für die dunkelsten Wochen des Jahres oder für die Tage zwischen den Jahren eignen, stelle ich sie diesmal schon Anfang November vor. Und am Ende des Artikels gibt es noch zwei Ankündigungen.
Das allererste Buch, das ich 2026 gelesen habe, stand schon lange ungelesen im Regal, und ich habe schnell gemerkt, dass ich da einen Schatz gehoben habe: den Roman Jonglieren von Barbara Trapido (geboren 1941 in Kapstadt). Ich habe ihn in der wunderschönen, in rotes Leinen gebundenen Ausgabe der edition fünf gelesen, übersetzt von Karen Nölle. Was mich sofort für das Buch eingenommen hat, ist sein Ton: klar und unmittelbar, mal von großer Komik, dann wieder fast schmerzhaft tief berührend.
Es geht um zwei heranwachsende Mädchen, die widerspenstige Christina und ihre Adoptivschwester Pam, die im Internat Jago und Peter kennenlernen. Ein tragischer Vorfall verstreut die vier in alle Winde, aber später begegnen sie sich in verblüffenden Konstellationen wieder. Karen Nölle schreibt in ihrem Nachwort: „Die Probleme und Geschicke, um die es geht, sind so ernst, dass sie jederzeit in eine Tragödie münden könnten, wollte Barbara Trapido nicht auf Lachen und Staunen hinaus.“ Genau das ist das Besondere an ihren Romanen: Es passiert Großes, auch Schlimmes, es geht immer um viel, aber irgendwie behält das Ganze bei Barbara Trapido eine Leichtigkeit und Lebensfreude, und das wirkt alles andere als unangemessen. Absolut einzigartig.
Ich spreche im Plural, weil das Buch mich so begeistert hat, dass ich im letzten Winter direkt zwei weitere Bücher von Barbara Trapido gelesen habe: Der Tempel des Entzückens und Der reisende Waldhornist, das erste übersetzt von Karen Nölle, das zweite von Beatrice Howeg und beide nur noch antiquarisch erhältlich (oder im englischen Original unter den Titeln Temples of Delight und The Travelling Hornplayer; Jonglieren ist aber auf deutsch lieferbar). Beide spielen zu meiner großen Freude im selben Universum, man begegnet Figuren in einem anderen Lebensalter wieder, oder Nebenfiguren aus dem einen Roman werden zu Hauptfiguren in einem anderen, sowas liebe ich sehr. Es gibt noch weitere Romane aus dem Zyklus, die ich mir noch ein bisschen aufgehoben habe, vielleicht für diesen Winter.

Ein Buch, das ich wahrscheinlich gar nicht mehr vorstellen muss, weil es völlig zurecht Furore gemacht hat in diesem Herbst, ist Anton und Alma, der zweite Roman von Dana Vowinckel (geboren 1996 in Berlin), mit dem sie auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und nun auch für den Buchpreis des SPIEGEL nominiert ist. Es ist eine Liebesgeschichte, wie ich noch keine gelesen habe. So nah und unmittelbar, dass man eigentlich nicht von Anton und Alma liest, sondern Anton und Alma ist, abwechselnd, denn so wird erzählt. Alma ist zuerst verliebt, Anton liebt zuerst, Anton stammt aus einer bildungsbürgerlichen jüdischen Familie, Alma aus einer bildungsfernen Familie, in der Religion keine Rolle spielt, einer Täterfamilie. Dass Alma zum Judentum konvertieren möchte, sagt sie Anton zunächst nicht, weil sie nicht sicher ist, wie er das findet, und durch die Umstände wird es schließlich zum Geheimnis. Mehr will ich gar nicht verraten.
Das Einzigartige an diesem Buch ist für mich seine Intensität. Dana Vowinckel gelingt es, das, woran die größten Autoren scheitern, zu beschreiben, als hätte sie tausend Jahre Schreib- und Lebenserfahrung: Nähe, Sex, Streit, die Bedeutung von Familie, Religion und Politik für die persönlichen Beziehungen und wie all das miteinander verbunden ist. Es ist ein Buch, so mitreißend, so zeitgemäß und umfassend – und die Dialoge sind so gut! Ich komme aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus und freue mich auf alles, was diese Autorin noch schreibt.

Die Einsamkeit von Sonia und Sunny von Kiran Desai (geboren 1971 in Neu-Delhi) habe ich gelesen, weil Dana Vowinckel es bei ihrer Lesung in Hamburg als einen der besten Romane der letzten zehn Jahre bezeichnet hat. Er stand 2025 auf der Shortlist des Booker Prize und erschien in diesem Jahr in der Übersetzung von Robin Detje bei S. Fischer.
Anders als Anton und Alma begegnen sich Sonia und Sunny erstmal gar nicht. Beide studieren in den USA, während ihre indischen Großeltern sie für eine arrangierte Ehe ausersehen. Nur leben Sonia und Sunny nicht mehr in der Welt, aus der sie stammen, und können über sowas nur lachen. Außerdem sind beide in Beziehungen, Sunny in einer eher pragmatischen, die sich durch Leere und Distanz auszeichnet, Sonia in einer sehr intensiven, missbräuchlichen mit einem älteren Künstler. Man kann beim Lesen nur hoffen, dass die Wege der Hauptfiguren aufeinander zulaufen, während sie mit ihrer Arbeit beschäftigt sind, mit ihrem Schreiben, mit ihren Beziehungen bzw. ihrer Einsamkeit, mit den Vorstellungen, die ihre Eltern für sie haben und der Frage, welche Vorstellung sie selbst von sich haben. Bis es so weit ist (und dann natürlich erst recht), wird man bestens unterhalten mit diesem Epos und den überraschenden Wendungen, die es bereithält, im nordamerikanischen Schnee wie in der indischen Hitze. Es ist reich an allem, auch an faszinierenden Frauenfiguren wie Sonias zur ewigen Tochter gemachter unverheirateter Tante, oder ihrer Mutter, die am glücklichsten allein im Wald ist, und auch die Beziehungen der Mütter und Töchter (und Schwiegermütter) sind besonders.
Da Sonia und Sunny beide schreiben, sie belletristisch, er journalistisch, geht es immer auch ums Erzählen selbst und darum, wie die eigenen Erzählungen und Vorstellungen das Leben bestimmen; darum, wie die persönliche Vergangenheit und die Menschen, die zum Leben gehören und Einfluss darauf nehmen, das persönliche Im-Leben-sein bestimmen, die eigenen Träume, Pläne, Unterlassungen. All das ist wunderbar. Ich konnte das Buch über Hunderte von Seiten kaum aus der Hand legen, so unterhaltsam und voller großartiger Figuren und Szenen und kluger Beobachtungen ist es. Irgendwann nach der Mitte hatte ich einen kleinen Hänger (und wohl nicht nur ich), empfehle aber unbedingt, weiter (oder ein Weilchen quer) zu lesen, denn die letzten gut hundert Seiten darf man sich auf keinen Fall entgehen lassen, Satz für Satz.

Ein absolutes Ausnahmebuch, das auf Platz eins stünde, wenn ich hier einen ersten Preis vergeben müsste, ist Das Lied von Storch und Dromedar von Anjet Daanje (geboren 1965 in den Niederlanden). Auch dies ein dickes Buch, fast tausend bei der Friedenauer Presse erschienene Seiten, auch dies mit einem kleinen Hänger in der Mitte, finde ich, aber insgesamt ein einzigartiger Genuss. Ich werde den Roman bestimmt irgendwann nochmal lesen.
Inspiriert ist er vom Leben der Brontë-Schwestern und erzählt aus Sicht derer, die nach dem Tod einer der Schwestern bleiben. Es wird erzählt, welche Auswirkungen sie auf das Leben der Erzählfiguren hatte, selbst wenn es nur eine kurze Begegnung war, von der Ausstrahlung, die diese Frau und ihr Buch über ihren Tod hinaus hat. Der Roman hat viele Teile, es sind zunächst Familienmitglieder, die erzählen, später Nachbarinnen, Leserinnen oder vermeintlich ganz unverbundene Menschen, die beispielsweise an bestimmten Orten eine Nähe verspüren oder rational unerklärliche Dinge erleben, die wir als Lesende uns etwas besser erklären können, weil wir vorher schon mit anderen Figuren an diesen Orten waren. Das Lied von Storch und Dromedar hat eine Poesie und einen Zauber, der seinerseits ein bisschen unerklärlich ist und für mich ganz einmalig. Man versinkt hier wirklich in anderen Welten, und am Ende bleibt ein geradezu erhabenes Gefühl angesichts dieser Feier der Erzählfreude und der Kraft der Literatur.
Die Übersetzung ist von Ulrich Faure und war für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert. Bei allen drei hier vorgestellten übersetzten Romanen, Die Einsamkeit von Sonia und Sunny (deutsch von Robin Detje) und Jonglieren (deutsch von Karen Nölle), handelt es sich nicht nur um außergewöhnliche Romane, sondern auch um herausragende Übersetzungen.

Zum Schluss noch zwei Ankündigungen. Ab 1. Dezember mache ich in diesem Jahr auf Instagram einen Adventskalender: jeden Tag ein Lieblingsbuch aus den letzten zwanzig Lesejahren. Das werde ich ohne Text machen, weshalb es kein Format für den Blog ist, aber eben passend für Instagram, wo ich unter nicoleseifert_autorin zu finden bin.
Am 11. Februar des kommenden Jahres erscheint mein neues Buch: Vier Sommer, Die Geschichte der Freundschaft von Virginia Woolf und Katherine Mansfield. Die Freundschaft dieser beiden großen Schriftstellerinnen war geprägt von gegenseitiger Faszination, aber auch belastet durch Konkurrenz, und sie währte nur vier Jahre, 1917 bis 1921, denn Mansfield starb mit 34 Jahren an Tuberkulose. Danach schrieb Virginia Woolf in ihr Tagebuch: „Es scheint, als hätte das Schreiben keinen Sinn mehr. Katherine wird es nicht lesen.“
Es ist ein absolutes Herzensbuch, noch nie habe ich irgendwas so gerne geschrieben. Und es ist viel weniger analytisch als meine letzten beiden Bücher, viel erzählender, basierend auf den Briefen und Tagebüchern der beiden Frauen. Wer möchte, findet hier mehr dazu, auch eine Leseprobe, und kann das Buch vorbestellen, letzteres geht natürlich ebenso in jeder Buchhandlung. Ich werde mit Vier Sommer nicht so viele Lesungen machen wie mit den letzten Büchern, weil ich ein arbeitsreiches 2027 vor mir habe (der Abgabetermin für das nächste Buch steht schon fest), aber: Die Premiere findet am 10. Februar 2027 im Hamburger Literaturhaus statt. Ich würde mich sehr freuen, bei der Gelegenheit den einen oder die andere von Ihnen und euch zu sehen.
Bis dahin frohes Lesen!
Nicole Seifert