Entführt in eine andere Welt

Lange habe ich nichts so Fesselndes gelesen, das solch einen Sog entfaltet und einen derart in seine ganz eigene Welt zieht. Im Mittelpunkt dieses erstmals 1932 erschienenen Romans, der einer BBC-Umfrage zufolge seit Jahren das Lieblingsbuch der Schotten ist, steht die Bauerntochter Chris Guthrie. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts lebt sie mit ihren Eltern und mehreren Geschwistern unter kargen Bedingungen auf Blawearie, einem kleinen Hof im Nordosten Schottlands. Chris ist eine beeindruckende Frauenfigur, deren Wunsch nach Bildung so groß ist wie ihre Liebe zu dem Land, auf dem sie aufwächst:

„So sahs also bei Chris aus mit ihrem Lesen und ihrem Lernen, zwei Chris’ gab es, die kämpften um ihr Herz und setzten ihr zu. Den einen Tag hasstest du das Land und das rohe Reden der Leute, und das Lernen war schön und recht, und am nächsten Tag wachtest du auf und hörtest die Kiebitze über den Hügeln rufen, tief und tiefer ins Herz riefen sie dir, und der Geruch der Erde wehte dir entgegen, und du mochtest fast weinen, weil es so schön war und so lieblich, das schottische Land und der Himmel darüber.“

Chris empfindet tief, ist aber weit davon entfernt, eine Träumerin zu sein, und stellt sich mutig den Veränderungen, die das Leben für sie bereithält. Als ihre Mutter stirbt, muss sie auf dem Hof mit anpacken und kann nicht mehr zur Schule gehen, und nachdem ihre kleineren Geschwister weggegeben werden und ihr fast gleichaltriger Bruder fortgeht, bleibt sie mit dem Vater allein. Sie ist seinem Jähzorn und seinen Übergriffen ausgesetzt, bis sie schließlich ganz auf sich gestellt ist – ein Wendepunkt in Chris’ Leben, mit dem der Roman von Neuem Fahrt aufnimmt.

„Lied vom Abendrot“ ist nicht nur ein Entwicklungsroman, es ist eine Ode an eine Landschaft und die Sprache ihrer Bewohner. Sein Autor Lewis Grassic Gibbon (1901-35), mit bürgerlichem Namen James Leslie Mitchell, stammte aus Aberdeenshire, wo er die höhere Schule besuchte und bereits im Alter von sechzehn Jahren als Journalist arbeitete, bevor er der Armee beitrat. Gibbon hat in diesem Roman die letzten Jahre einer Epoche eingefangen und eine bäuerliche Lebensweise, die mit dem Ersten Weltkrieg ihr Ende fand. Er erzählt, was die Härte des Landlebens mit den Menschen macht, welche Folgen das Kinderkriegen für die Frauen hat, welche der Krieg für die Männer, und wie sich die Menschen das Leben gegenseitig zur Hölle machen, wo es an Kraft und Güte fehlt, um einen anderen Weg zu finden. Diese zutiefst menschliche Sicht auf das Leben einer kleinen Gemeinschaft, in der sich, wie Anja Hirsch in der FAZ schrieb, „die ganze Welt spiegelt“, gehört zu dem, was dieses Buch so großartig macht.

Dieser Roman sollte in einer Reihe stehen mit den anderen großen modernen Romanen der Weltliteratur, etwa von William Faulkner oder Virginia Woolf, darin ist sich Iain Galbraith, der das Nachwort verfasst hat, mit vielen Rezensenten und Rezensentinnen einig. Besonders deutlich wird das durch Gibbons Gebrauch der erlebten Rede, mit der die Vielstimmigkeit der Dorfbewohner vermittelt wird sowie das Bewusstsein seiner Hauptfiguren. Dass „Lied vom Abendrot“ nun auch in Deutschland wieder liefer- und lesbar ist, ist dem 2014 in Berlin gegründeten Guggolz Verlag zu verdanken, der hier eine vom Vorsatzpapier bis zum Lesebändchen, von den Anmerkungen bis zum Glossar, von der Übersetzung bis zum Nachwort äußerst liebevoll gestaltete Ausgabe vorlegt.

Überhaupt, die Übersetzung: Esther Kinsky, die für ihr eigenes Buch „Hain: Geländeroman“ in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hat, hat sich zur Übersetzung von Gibbons Schottisch des Plattdeutschen bedient, was sie in einem kurzen Vorwort wohlbegründet. Es sind – auch wenn man das Plattdeutsche nur sehr entfernt im Ohr hat – wunderbar sprechende, lautmalerische Worte, die sich häufig von selbst erschließen. Da ist jemand rappschnütig oder geht scheimelnd über den Hof, und der Regen ist ein dünnes Drieseln. Darüber, dass mit Riestüten Ohren gemeint sind und mit Bambuseken Kindchen, informiert das Glossar.

Kinsky setzt das Plattdeutsche so wohldosiert ein und mit so viel Feingefühl und Witz, dass eine Kunstsprache von einer staunenswerten Schönheit und Lebendigkeit entsteht. Sie hat diese packende Erzählung einer Epoche, einer Familie und einer Frau mit einer Melodie versehen, die mich über die Woche begleitet hat, in der ich diesen Roman las, und die mir danach fehlte. Erfreulicherweise ist das Buch der erste Band einer Trilogie, allerdings dürfte es dauern, bis die nächsten beiden Bände übersetzt sind (und der bei den Schotten beliebteste Band ist dieser erste).

Der Berliner Zeitung zufolge liefert der Guggolz Verlag „den Beweis, dass Bücher von gestern ein Gewinn für die Welt von heute sind.“ Für Lied vom Abendrot gilt das in jedem Fall – für mich ist es jetzt schon eins der literarischen Leseerlebnisse dieses Jahres.

Nicole Seifert

Lewis Grassic Gibbon
Lied vom Abendrot
Aus dem schottischen Englisch von Esther Kinsky
Guggolz Verlag
400 Seiten
26 Euro

Published by

Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

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