Das innere Erleben ist alles

Drei Romane, die viel gemeinsam haben, einer druckfrisch, einer acht Jahre alt, der andere bald neunzig. In allen geht es um sechs miteinander befreundete Figuren, drei Männer und drei Frauen, und in allen tritt die äußere Handlung hinter das innere Erleben dieser sechs zurück. Die Ähnlichkeit ist kein Zufall. Christina Hesselholdt und Véronique Olmi erweisen sich mit diesen Büchern als Epigoninnen von Virginia Woolf.

Gefährten, soeben bei Hanser Berlin erschienen, stammt von der 1962 geborenen Christina Hesselholdt, die in Dänemark als eine der außergewöhnlichsten zeitgenössischen Autorinnen gilt und deren Werk bereits vielfach ausgezeichnet wurde. Es erzählt von drei Paaren, sechs Jugendfreund*innen, die in Kopenhagen leben, um die vierzig sind und im Roman abwechselnd zu Wort kommen. Sie haben es mit schwierigen Ehen und ersten gravierenden Krankheiten zu tun, ihre Eltern sterben, Kinder haben sie nicht. All das erfahren wir aus der Innensicht der sechs Figuren, die im inneren Monolog erleben, beobachten, reflektieren. Nicht alle Figuren bekommen dabei gleich viel Raum. Im Zentrum stehen Camilla, der Christina Hesselholdt offenbar die meisten autobiografischen Anteile mitgegeben hat, ihr Mann Charles sowie ihre beste Freundin Alma. Kristian, der von Alma verlassen wird, ist Arzt, Alwilda Lehrerin, die anderen vier leben vom Schreiben. Überhaupt spielen Literatur und Schriftsteller*innen in diesem Roman eine große Rolle, nicht zuletzt als Bezugsrahmen bei dem Versuch, Schlüsse über das eigene Leben zu ziehen. Gleich zu Beginn folgen Alma und ihr Mann im Lake District den Spuren des englischen Romantikers William Wordsworth, später besichtigen Camilla und Alma gemeinsam die Häuser von Virginia Woolf und Sylvia Plath. Zitiert werden neben anderen Vladimir Nabokov, Thomas Bernhardt und Iris Murdoch.

Während die Paare zunächst verharren, dann auseinandergehen und sich neu finden, bilden die Freundschaften insbesondere der Frauen ein Kontinuum. Es sind nicht zuletzt diese Frauenfiguren, die mir besonders gut gefallen haben, weil sie sich so direkt und offen äußern über sich selbst und über einander.

Sie meint, er wolle die Trauer nicht aufgeben, weil sie seine letzte Verbindung zu den Eltern darstelle, wenn er die Trauer aufgebe, verliere er sie ganz. Das klingt wie Küchenpsychologie, aber ich sage nichts. Ich finde Alwilda brutal. Früher habe ich ihre Brutalität mit Ehrlichkeit verwechselt. Ich hielt ihre Ehrlichkeit für rühmlich. Ihre Orgasmen stelle ich mir wie einen Schlag mit der Fliegenklatsche vor, kurz, hart und praktisch, und anschließend springt sie auf und ist sofort wieder kampfbereit, ihre Höhepunkte haben nicht viel vom Meer, keine ozeanischen Bewegungen, glaube ich, keine langgezogene atlantische Dünung und dann ein süßer Schlaf, nein. Aber sie ist die Einzige von uns, die sich nichts anderes wünscht als das, was sie hat. Soweit ich weiß. (140)

Genau so direkt und manchmal gnadenlos, wie die Freund*innen miteinander umgehen, tun sie es zumeist auch mit sich selbst. Da die vordringlichen Lebensthemen der sechs so unterschiedliche sind wie Trauer und Sex, Liebe und Einsamkeit, ändert sich die Tonlage beim Wechsel von einer Perspektive zur andern oft schlagartig, von melancholisch zu komisch, von derb zu zärtlich. Schöner als das Hamburger Abendblatt kann ich es nicht sagen: „Christina Hesselholdts Roman Gefährten klingt wie das schwungvoll schöne, ganz und gar neuartige Lied aus dem Radio, das man unbedingt wieder hören möchte. Auch weil verblüffend schnelle Wechsel zwischen Dur und Moll und raffinierte Rhythmen die Neugier immer wieder neu wecken.“

Auch in Virginia Woolfs Roman Die Wellen sind es sechs Stimmen, die sehr sinnlich und poetisch ihr gemeinsames Leben heraufbeschwören. Als Woolf Ende der 1920er Jahre die äußere Wirklichkeit fast vollständig hinter der Innenwelt ihrer Figuren zurücktreten ließ, war das ein radikaler Bruch mit der englischen Erzähltradition, ein Experiment, das auch andere Größen der literarischen Moderne in Angriff nahmen. In Die Wellen ist nichts richtig greifbar, weder die Handlung, noch die Schauplätze oder die einzelnen Szenen. Das Bewusstsein der sechs Charaktere ist alles, wiedergegeben im inneren Monolog. Woolf beginnt mit der Kindheit von Bernard, Louis, Neville, Rhoda, Jinny und Susan, die miteinander aufwachsen, und folgt ihnen bis ins Erwachsenenalter, Die Wellen ist also auf seine Weise ein Entwicklungsroman. Wie in Gefährten spielt auch hier die Freundschaft der sechs eine entscheidende Rolle, und auch hier ist sie wichtig, um sich über sich selbst klar werden zu können:

Um ich selbst zu sein (das halte ich fest), brauche ich das Strahlen in den Augen anderer, und deshalb kann ich nicht ganz sicher sein, was mein Selbst ist. Die Authentischen, wie Louis, wie Rhoda, existieren am vollständigsten in der Abgeschiedeheit. Sie mißbilligen das Angestrahltwerden, die Verdoppelung. Sie schleudern ihre Bilder, wenn sie einmal gemalt sind, mit der Oberseite nach unten auf den  Acker. […] Mir fallen Menschen ein, mit denen ich sprechen könnte: Louis, Neville, Susan, Jinny und Rhoda. Mit ihnen zusammen habe ich viele Seiten. Sie holen mich wieder aus der Dunkelheit zurück.  (91)

Woolfs Ziel war es, den kontinuierlichen Strom menschlicher Gedanken zu vermitteln, und gleichzeitig den Rhythmus des Meeres, des Gartens, der Vögel. Dem ist sie vielleicht nie so nah gekommen wie in Die Wellen, einem – nicht ganz leicht lesbaren – Meisterwerk, das in einer Reihe steht mit James Joyce’ Ulysses und Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Dass auch Véronique Olmis Roman von Die Wellen beeinflusst wurde, liegt auf der Hand, auch wenn sie sich wohl nicht explizit dazu geäußert hat. In diesem Sommer (im französischen Original 2010 erschienen und in der deutschen Übersetzung von Claudia Steinitz zwei Jahre später) ist von den drei hier vorgestellten der am konventionellsten erzählte Roman. Er beschränkt sich auf wenige Tage im Leben seiner sechs Protagonist*innen, ein langes Wochenende über den französischen Nationalfeiertag, den die sechs schon seit vielen Jahren gemeinsam im Ferienhaus von Delphine und Denis in der Normandie verbringen. Das Haus liegt direkt am Meer, an dem die Freund*innen wie jedes Jahr allein und in wechselnden Konstellationen spazieren gehen und reden, wenn sie nicht gerade im Garten essen und trinken oder sich auf ihr Zimmer zurückziehen, um miteinander zu schlafen oder auch nicht. Sie spielen Tennis, fahren mit dem Boot raus, kaufen im Hafen Meeresfrüchte und legen sie abends auf den Grill. Doch die Idylle ist nur Kulisse, die Risse in ihren Existenzen sind für alle nur zu sichtbar, dafür kennen sie sich zu lange und zu gut.

Delphine und Denis, deren Kinder fast erwachsen sind, gelingt es kaum, das Wort aneinander zu richten, ohne sich zu verletzen. Marie und Nicolas sind zwar schon genau so lange verheiratet, können aber die Finger nicht voneinander lassen – ob das echt sein kann? Und Lola bringt in jedem Jahr einen neuen Mann mit. Der diesjährige ist sehr viel jünger als sie und geht davon aus, dass er sie heiraten und von nun an immer dabei sein wird; aber die anderen wissen es besser und ersparen ihm diese Information auch nicht. Ob es diese gemeinsamen Tage in den nächsten Jahren überhaupt noch geben wird, steht sehr in Frage, denn für die meisten von ihnen ist der Zeitpunkt gekommen, eine überfällige Entscheidung zu treffen und – möglicherweise – sogar in die Tat umzusetzen. Delphine sieht etwas zu Ende gehen und empfindet dabei keineswegs nur Schmerz:

Wie weit die Jahre mit Fußball am Strand, Tauchwettkämpfen, Weitsprung in den Dünen zurücklagen, und vor allem, wie seltsam wohl ihr bei der Erkenntnis war, dass das alles nicht wiederkommen würde. Ganz einfach, ohne Aufsehen waren so viele Dinge zu Ende gegangen und würden fortan anderen, Unbekannten gehören, ungeborenen Generationen, deutschen oder japanischen Touristen, die niemals wissen würden, dass Coutainville früher einmal Delphine und Denis gehört hatte, dass Coutainville der jährliche, unverrückbare Treffpunkt ihrer Freunde und ihrer Kinder gewesen war. (112)

Was Delphine hier empfindet, erinnert sehr an den Geist, der auch Die Wellen trägt: Alles geht vorbei, aber es kehrt auch alles wieder. Und so wird die radikale Subjektivität, von der alle drei Romane leben, am Ende transzendiert: Jedes Individuum ist Teil eines Ganzen, wie die Welle, die ausläuft, während das Meer immer weiter existieren wird. Der letzte Satz von Virginia Woolfs Roman lautet: „Die Wellen brachen sich am Strand.“

Nicole Seifert

Christina Hesselholdt
Gefährten
Roman

Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Hanser Berlin
448 Seiten
25 Euro

Véronique Olmi
In diesem Sommer
Roman

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Antje Kunstmann Verlag (Hardcover) / btb (Taschenbuch)
272 Seiten
17,50 Euro / 8,99 Euro

Virginia Woolf
Die Wellen
Roman

Aus dem Englischen von Maria Bosse-Sporleder
Fischer Verlag (Hardcover) / Fischer Taschenbuch Verlag
240 Seiten
19,90 Euro / 12 Euro

 

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Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

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