Die Dauer lebenslanger Liebe

Als sich Antonia und Edgar Anfang der Sechzigerjahre in Hamburg begegnen, fühlen sich die beiden so unterschiedlichen Menschen sofort zueinander hingezogen. Antonia ist Optimistin, sie ist überschwänglich und voller Energie, Edgar neigt dazu, sich Sorgen zu machen, ist zurückhaltend und vorsichtig. Die Konventionen der Wirtschaftswunderzeit machen es dem Liebespaar nicht leicht. Wenn man wie Antonia zur Untermiete wohnt, ist Herrenbesuch nach 22 Uhr ein Problem, auch wenn man längst über zwanzig ist. Und die Pille würde ihr der Arzt auch nur verschreiben, wenn sie verheiratet wäre und schon mehrere Geburten vorzuweisen hätte. Bevor sie jedoch heiraten können, möchte Edgar eine bessere Arbeitsstelle haben, eine mit Perspektive, mit der er genug verdient, um eine Familie ernähren zu können. Als sich diese in Hongkong bietet, rät Antonia ihm zu. Es ist ein Abenteuer nach ihrem Geschmack, sie wäre sofort bereit mitzukommen. Aber Edgar möchte sich eine Existenz aufbauen, bevor sie nachkommt, und Antonia weiß: „Sie muss ihn gehen lassen, seine Wünsche und Hoffnungen müssen sich erfüllen, denn nur dann können sich auch ihre Wünsche und Hoffnungen erfüllen.“

So beginnt eine lange Zeit des Wartens, in der Telefongespräche so gut wie unmöglich sind und ihnen nur die Briefe bleiben, die sie sich fast täglich schreiben. Allerdings benötigt ein Brief zwei Wochen – bis sehnsüchtige Fragen beantwortet werden, vergeht also immer ein ganzer Monat. So lebt jeder sein Leben, die Distanz zwischen ihnen wächst, ohne dass Edgar sich konkreter zu einer gemeinsamen Zukunft äußert, und für Antonia stellt sich langsam die Frage, ob aus ihnen noch etwas wird.

Es ist eine leise Geschichte mit mehreren überraschenden Wendungen – jedenfalls, wenn man den Klappentext und die Rezensionen in den überregionalen Zeitungen vorher nicht liest, von denen die meisten empörend viel verraten. Um das Vergnügen mehrerer stiller Spannungsmomente nicht zu verderben, verrate ich hier auch nicht mehr vom Inhalt.

Erzählt wird diese Geschichte nach Antonias Tod von ihrer Tochter, die sich selbst an einem Wendepunkt in ihrem Leben befindet. Sie hat ihre Mutter verloren, ihre eigene Tochter hat die Schule beendet und wird bald ausziehen, und sie fragt sich, wie es werden wird wieder allein mit ihrem Mann. Von der Liebesgeschichte mit Edgar hatte Antonia ihrer Tochter immer wieder erzählt, und diese verspürt eine unbestimmte Sehnsucht nach dem Paar und der Zukunft, die es einmal hatte. Das Gefühl, dass etwas in der Schwebe geblieben ist damals, im Hamburg des Jahres 1964, veranlasst sie, der Geschichte nachzugehen und Edgar zu suchen, um ihn dazu zu bringen, sich seinerseits zu erinnern und zu erzählen.

Die Erzählerin führt ein sehr viel gesetzteres Leben als ihre Mutter, auch ihr Liebesleben ist weniger unstet. Das spielt eine Rolle dabei, dass sie sich für die Liebesgeschichte von Antonia und Edgar so interessiert und nach Erklärungen sucht. Auf ein Thema stößt sie dabei immer wieder: Intensität. Es geht um die Frage, was man ihr unterordnet und darum, ob man sie fürchtet. Es geht um Mut, darum, was man sich zumutet, ob man sich traut, ein erfüllendes Leben zu wagen, trotz der Gefahren, die das mit sich bringt. Verglichen mit Edgar ist Antonia eine emotionale Draufgängerin, aber auch die Ich-Erzählerin ist sicherheitsbedürftiger als ihre Mutter und verspürt doch eine Sehnsucht nach dem überschwänglichen Gefühl, das Antonia für Edgar empfand. Und so geht es in diesem schönen, leisen Roman nicht zuletzt um die Momente, in denen man den Lauf der Dinge hätte ändern können. Und darum, dass es auch etwas zu sagen hat, wenn man das nicht tut, trotz allem.

Nicole Seifert

Kristine Bilkau
Eine Liebe, in Gedanken
Roman

Luchterhand Literaturverlag
256 Seiten
20 Euro

 

 

 

 

 

Published by

Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

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