Im Muster gefangen

Eine junge Frau zieht mit ihrem Mann zur Erholung in ein Haus auf dem Land. Drei Monate später endet sie dort im Wahnsinn. Charlotte Perkins Gilmans Erzählung Die gelbe Tapete, erstmals erschienen 1892, ist ein Schlüsseltext weiblichen Schreibens und ein Klassiker der amerikanischen Literatur, der an die Horrorgeschichten von Edgar Allan Poe erinnert (und sich wie diese hervorragend zum Vorlesen eignet). Jetzt hat der Dörlemann Verlag den Text neu übersetzen lassen und in einer bibliophilen, zweisprachigen Ausgabe herausgebracht.

Die Ich-Erzählerin, die vor Kurzem ein Kind zur Welt gebracht hat und ihrem Arzt zufolge nun unter einer „leichten hysterischen Neigung“ leidet, bekommt „zu ihrem eigenen Besten“ absolute Ruhe verordnet. Sie soll nicht mal schreiben, obwohl sie das gern tun würde und eigentlich glaubt, dass ihr ein bisschen Abwechslung gut täte. Aber ihr Mann – ebenfalls Arzt – ist dagegen, und gegen diese geballte männliche Autorität kommt sie nicht an. Das Landhaus findet sie wunderbar, besonders das Erdgeschoss mit Zugang zu dem großen Garten. Nur das Zimmer unterm Dach mag sie nicht, in dem ihr Mann das gemeinsame Schlafzimmer einrichtet und in dem sie sich auch tagsüber ausruhen soll. Es ist zwar groß und luftig und hat Fenster nach allen Seiten, allerdings sind diese „kindgerecht vergittert“. Und dann die gelbe Tapete – im Leben hat sie noch keine hässlichere gesehen, das öde, irritierende Muster spottet jedem Kunstsinn. Je länger die Erzählerin in dem Zimmer unterm Dach allein ist, desto mehr scheint diese Tapete ein Eigenleben zu entwickeln. Es dauert nicht lange, da entdeckt sie hinter dem Muster eine fahle Figur, die hinaus zu wollen scheint. – Ich will nicht vorwegnehmen, wie die Erzählerin langsam im Wahnsinn versinkt, nur so viel: Es lohnt sich, bei den genauen Beschreibungen, insbesondere denen der Tapete, auf die wunderbare Doppelbödigkeit zu achten. Denn natürlich geht es hier noch um ganz andere Muster.

Die Verrückte auf dem Dachboden, the madwoman in the attic, ist in der weiblichen Literatur des 19. Jahrhunderts eine häufig wiederkehrende Figur, zum Beispiel in den Romanen der Brontë-Schwestern. Oft gibt es fügsame, brave Protagonistinnen, die von Vätern, Ehemännern, Ärzten und anderen Vertretern des Patriarchats wie Kinder behandelt werden, und rebellische Doppelgängerinnen, die im Wahnsinn enden. Metaphern des Eingesperrtseins und der Flucht versinnbildlichen die Beschränkungen, unter denen Frauen litten – eine Metaphorik, die sich bis heute findet im Werk von Autorinnen wie Joyce Carol Oates, Margaret Atwood und Claire Messud (die in ihrem Roman The Woman Upstairs auf sehr unterhaltsame und raffinierte Weise damit spielt).

Die gelbe Tapete ist autobiografisch inspiriert, Charlotte Perkins Gilman bekam von ihrem Neurologen S. Wier Mitchell tatsächlich absolute häusliche Ruhe verordnet, als sie nach der Geburt ihrer Tochter an Depressionen litt. Er riet der Autorin auch, nicht mehr zu schreiben, was in ihrem Fall einer Abtötung ihrer Persönlichkeit gleichgekommen wäre. Sie hielt sich nicht daran, und mit Die gelbe Tapete gelang ihr der literarische Durchbruch. Ein Exemplar ihrer Erzählung schickte Perkins Gilman nach der Veröffentlichung an ihren Arzt, der es offensichtlich auch las, denn später hörte sie, er habe seine Behandlungsmethoden daraufhin geändert. Sie selbst veröffentlichte in der Folge gesellschaftskritische Studien und prangerte in mitreißenden Reden die sozio-ökonomische Unterdrückung der Frau an. Das gruselige Ende beschränkt sich in diesem Fall also glücklicherweise auf ihr fiktives Pendant.

Nicole Seifert

Charlotte Perkins Gilman
Die gelbe Tapete
Englisch / Deutsch
Deutsch von Christian Detoux
Dörlemann Verlag
98 Seiten
14 Euro

Published by

Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

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