Newsletter: Unsere Reihe rororo Entdeckungen startet

Nach über anderthalb Jahren Planung ist es endlich so weit: Die ersten drei Titel der Buchreihe, die ich zusammen mit Magda Birkmann im Rowohlt Verlag herausgebe, erscheinen!

Zu Beginn des letzten Jahres kam meine frühere Rowohlt-Kollegin Sünje Redies auf mich zu, die im Verlag geblieben und dort inzwischen Programmleiterin für den Bereich Taschenbuch Belletristik ist. Sie hatte in den Weihnachtsferien mein Buch Frauen Literatur, Abgewertet, Vergessen, Wiederentdeckt gelesen und fand, angesichts all dieser vergessenen Autorinnen müssten wir etwas tun. Ihre Idee passte sehr gut zu dem, woran ich schon zusammen mit meiner Freundin und Leseschwester im Geiste Magda Birkmann herumdachte, studierte Linguistin und Buchhändlerin im Berliner Ocelot. Wir setzten uns alle zusammen und überlegten, was genau uns vorschwebte, und herausgekommen ist die Reihe rororo Entdeckungen, in der ab sofort pro Halbjahr drei Romane vergessener Autorinnen des 20. Jahrhunderts aus aller Welt erscheinen werden. Jeder Titel enthält ein Nachwort von Magda oder mir, in dem wir die Geschichte der Autorin und des Buches erzählen und den Roman auch literaturgeschichtlich und motivisch ein bisschen einordnen.

In diesem Herbst starten wir mit drei Romanen, die sehr unterschiedlich, aber alle in den frühen 30er Jahren angesiedelt sind – einmal im Berlin der Wirtschaftskrise, einmal auf einem Hausboot auf der Themse unweit von London und einmal in New York, genauer in Harlem.

Ein Mädchen mit Prokura von Christa Anita Brück (1899-1958) erschien 1932 und erzählt von Thea Iken, einer jungen Frau, die es in einer kleinen Berliner Privatbank bis zur Prokuristin gebracht hat. Der Roman macht uns zunächst mit den Angestellten und ihren Lebensumständen bekannt und entwickelt sich dann zu einem rasanten Kriminalfall (aufmerksames Lesen am Anfang lohnt sich also). Uns hat begeistert, dass hier ein recht seltener Stoff literarisch verarbeitet wurde, nämlich weibliche Berufstätigkeit mit allen Facetten, die diese zu der Zeit und in einem rein männlichen Umfeld mit sich brachte. Aber nicht nur die Protagonistin ist ungewöhnlich und faszinierend, auch die Autorin, über die Magda Birkmann in ihrem Nachwort zusammengetragen hat, was sich noch finden ließ. Der Text, der in eine Reihe mit den Romanen von Brücks Altersgenossen Hans Fallada und Erich Kästner gehört, wurde seit seinem Erscheinen nie wieder neu aufgelegt – bis heute.

Meine große Liebe in der Literatur sind ja britische Autorinnen des 20. Jahrhunderts, und damit bin ich in unserem Team auch nicht allein, von ihnen werden also sicher noch einige in unserer Reihe auftauchen. Den Anfang macht Mary Renault (1905-1983) mit ihrem so komischen wie tiefgründigen Roman Freundliche jungen Damen, ins Deutsche übersetzt von Gertrud Wittich. Er beginnt in Cornwall, wo die junge Elsie es mit ihren Eltern nicht mehr aushält und sich, ermuntert durch einen jungen Vertretungsarzt, auf die Suche nach ihrer älteren Schwester Leonora macht, die bereits vor acht Jahren von zu Hause abgehauen ist. So landet sie auf dem Hausboot auf der Themse, auf dem Leo zusammen mit ihrer Freundin lebt. Die beiden sind ein Paar, was Elsie – unerfahren und unaufgeklärt, wie sie ist – jedoch nicht versteht, zumal auch ein paar Männer auf dem Boot ein und aus gehen, zu denen bald auch besagter junger Arzt gehört. Was sich liest wie eine sommerliche Wer-mit-wem-Komödie in atmosphärischer Umgebung erzählt dabei auch davon, wie Leo ihre sexuelle Identität sucht, und unterschlägt dabei auch nicht, was für ein schmerzhafter Prozess das sein kann – das macht den Roman so besonders. In meinem Nachwort schreibe ich, wie das damals aufgenommen wurde und was es mit dem Leben der Autorin zu tun hat.

Die beiden ersten Romane sind im September schon erschienen, der dritte folgt jetzt am 17. Oktober: Louise Meriwethers Eine Tochter Harlems. Louise Meriwether ist eine US-amerikanische Journalistin, Autorin und Aktivistin, die sich ihr Leben lang für Menschenrechte und gegen Rassismus engagiert und in diesem Jahr ihren hundertsten Geburtstag gefeiert hat. Über ihren im Original 1970 erschienenen Roman schrieb James Baldwin damals:

Louise Meriwether erzählt allen, die lesen können und über Empathie verfügen, was es bedeutet, in diesem Land schwarz und eine Frau zu sein.


Sie schildert das Leben der jungen Francie mit ihren Träumereien wie mit den Bedrohungen, denen sie täglich ausgesetzt ist, mit der Geborgenheit in der Familie und mit den Abgründen, die sich immer wieder auftun, nicht zuletzt durch die Risiken, die ihr Bruder und ihr Vater sich gezwungen sehen einzugehen. Es ist eine Coming-of-age- und eine Familiengeschichte, die ihren ganz eigenen Sog hat. Ein wichtiges Buch, das in den USA auch als solches wahrgenommen wird, dort Schullektüre ist und das in der Übersetzung von Andrea O’Brien nun zum ersten Mal auf deutsch vorliegt.

Wer etwas mehr zu den Hintergründen der Reihe und den einzelnen Titeln hören möchte, kann hier auf Dlf Kultur die Sendung Lesart nachhören, in der wir letzte Woche zu Gast waren (14 Minuten). Wer einen Instagram Account hat, findet im Feed der Berliner Buchhändlerin Maria Christina Piwowarski das einstündige Gespräch, das sie am 9. Oktober mit Magda Birkmann und mir geführt hat. Besonders gefreut habe ich mich über die Rezension von Anja Rützel, die Ein Mädchen mit Prokura im Spiegel besprochen (Bezahlschranke) und die Reihe vorgestellt hat, über die sie schreibt:

Die vielversprechende Idee der von Magda Birkmann und Nicole Seifert herausgegebenen rororo Entdeckungen geht weit über eine bloße Frauenbuchsammlung hinaus: Sie könnte zu einer querverweisdichten Motivbibliothek werden, die Jahrzehnte überspannt und ein Themengeflecht weiblicher Lebensmodelle zeigt.

Bald können wir schon ankündigen, welche drei Titel im nächsten Frühjahr erscheinen werden. Wer über die Reihe auf dem Laufenden bleiben möchte, kann immer auf der Website des Rowohlt Verlags nachsehen, aber ich werde die Titel auch hier auf dem Blog weiterhin vorstellen.

Es sind auch ein paar Veranstaltungen geplant. Am 1. November sind Magda Birkmann, Sünje Redies und ich im Literaturhaus Hamburg zu Gast und erzählen dort, wie wir uns zusammengefunden haben und wie wir bei der Suche nach Titeln und der Programmplanung vorgehen. Die Schauspielerin Toini Ruhnke wird aus den drei ersten Romanen lesen. Die Veranstaltung ist auch im Livestream zu verfolgen, Tickets dafür gibt es ab dem 14.10. hier. Am 8. November sind Magda Birkmann und ich im Marburger Literaturforum zu Gast, Magda wird außerdem am 11. November in Wien sein und ich stelle am 1. Dezember die Reihe im Kontext meines Buches Frauen Literatur im Büchereck Niendorf vor und werde auch lesen. Und alles, was noch dazu kommt, verlinke ich hier unter den Menüpunkten Veranstaltungen und Presse.

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Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Autorin, Übersetzerin

7 Kommentare zu „Newsletter: Unsere Reihe rororo Entdeckungen startet

  1. Das ist sehr lobenswert, Literatur von Frauen, die schon in Vergessenheit geraten sind, wieder neu aufzulegen. Ich habe den Roman »Das Mädchen mit Prokura« von Christa Anita Brück aus dem Jahr 1932 gelesen, der mich inhaltlich nicht immer überzeugt hat, da zwei Drittel des Roman mit dem Thema Frauenemanzipation nur ganz am Rande zu tun haben und die Protagonistin hier zunächst die Opferrolle übernimmt. Aber das ist sicher auch eine subjektive Einschätzung. Kritisieren muss ich das schlechte Lektorat. An mehreren Stellen wird von unterschiedlichen Personen gesagt: »Ich geh nach der Partei.« (S. 73). Auch aus dem Zusammenhang kann man nicht erschließen, welche Partei gemeint ist. Ist es die NSDAP oder die SPD? Auch hier meine Kritik: »Joachim antwortet in jenem knappen, fast militärischem Tone, in dem die politische Jugend zu ihrem Fahrer spricht.« (S. 169). Ein eklatanter Fehler, denn hier ist nicht der »Fahrer« gemeint, sondern der »Führer«!
    Dennoch lobenswert, vergessene Autorinnen des 20. Jahrhunderts aus aller Welt in die Welt zurückzuholen.
    Herzliche Grüße
    Margret

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    1. Liebe Margret Hövermann-Mittelhaus, es geht uns keineswegs darum, Romane herauszubringen, die sich hauptsächlich mit dem Thema Frauenemanzipation beschäftigen. Oft begriffen sich die Autorinnen selbst auch gar nicht als Feministinnen, schon weil das ja über Jahrzehnte wiederum etwas war, worüber Frauen abgewertet wurden. Bei diesem Roman ist besonders bemerkenswert, dass er eine Frau ungeschönt im Berufsleben zeigt mit allen Facetten und ohne, dass dieser Beruf am Ende nur dazu dient, in eine Ehe mit einem Vorgesetzten und das frühe Ende der Berufstätigkeit zu münden. Und zum Lektorat: Wir greifen in diese Texte nicht mehr groß ein, stellen im Wesentlichen die Rechtschreibung auf die neue um, würden aber nie in die Figurenrede eingreifen oder eine Partei spezifizieren, die die Autorin bewusst nicht genannt hat. Der Sache mit dem Fahrer / Führer allerdings gehen wir mal nach, vielen Dank für den Hinweis.

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  2. Ich gratuliere und bin mehr als glücklich, dass Sie die Sache selbst in die Hand nehmen, gemeinsam mit Ihren Kolleginnen, diese Schätze zu heben. Viel Erfolg!

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