Newsletter: Was war und was kommt

Während es auf dem Blog nach wie vor sehr ruhig ist, passiert drum herum um so mehr. Es sind Bücher und Artikel erschienen, die ich vorstellen möchte, es haben tolle Veranstaltungen und Gesprächsrunden stattgefunden, an denen ich teilgenommen habe, und es ist viel geplant. Grund genug, hierher zu holen, was in den letzten Wochen und Monaten so war. 

Zunächst einmal ist Detransition, Baby erschienen, der Roman von Torrey Peters, den ich für den Ullstein Verlag zusammen mit Frank Sievers aus dem amerikanischen Englisch übersetzt habe. Es ist ein Roman, der in den USA zu den gefeiertsten des Jahres zählt, und der derzeit die Grundlage für eine Serien- und eine Filmadaption bildet. Und es ist ein Roman, den ich sehr mag, vor allem wegen seiner liebenswerten, komplexen, wahrhaftigen Figuren, die im heutigen New York in eine Dreiecksgeschichte verstrickt sind; aber auch wegen seines wunderbaren Plots. Es geht um Reese und Amy, zwei in New York lebende trans Frauen, die von einer Familie träumen. Sie sind ein glückliches Paar, bis Amy sich aus Gründen, die so richtig wie schmerzhaft sind, entscheidet, wieder als Mann zu leben und die Beziehung zerbricht. Als drei Jahre später Amesʻ Chefin Katrina überraschend von ihm schwanger wird, träumt Ames davon, das Kind zu dritt groß zu ziehen. Aber wird er Reese und Katrina davon überzeugen können? Und ist das überhaupt eine gute Idee?

Es geht um Geschlechterdefinitionen, um Sex und Gender, um Elternschaft und Liebe, und während all das neu ausgelotet wird, ist man ganz nah an den Protagonist*innen, ihren Erfahrungen, Wünschen und Gefühlen. Ich kann dieses kluge, witzige Buch nur empfehlen und träume von einer Fortsetzung …

Die Übersetzung war durchaus eine Herausforderung, aus mehreren Gründen. So unterhaltsam der Roman ist, so wenig seicht ist er doch. Torrey Peters spielt zwar mit dem Genre Romantic Comedy, ihr Roman ist aber viel dichter, voller Anspielungen, voller schwer zu übersetzender idiomatischer Wendungen, dazu kommt, dass rund um das Thema trans Menschen auch im Deutschen eher die englischen Begrifflichkeiten benutzt werden und dass der Diskurs hierzulande noch längst nicht so weit ist wie in den USA. Um so mehr hat es mich gefreut, dass ausgerechnet das Missy Magazin unsere Übersetzung als „großartig“ bezeichnet hat und die Transformation in eine zeitgemäße deutsche Sprache gelungen findet.

In Vorbereitung auf ein neues eigenes Buchprojekt habe ich mich in den letzten Wochen mit dem Werk der Schriftstellerin Ruth Rehmann befasst, die am 1. Juni hundert Jahre alt geworden wäre. Eine Autorin, deren Namen ich bis vor kurzem noch nie gehört hatte, deren Werk jedoch unter anderem bei Suhrkamp und Hanser erschienen ist und die 1958 vor der Gruppe 47 las und in jenem Jahr auch für den Preis der Gruppe im Gespräch war, allerdings las nach ihr dann noch Günter Grass aus seinem unveröffentlichten Roman Die Blechtrommel… 

Empfehlen möchte ich vor allem Ruth Rehmanns soeben vom Aviva Verlag neu aufgelegten Roman Illusionen, aus dem die Autorin damals gelesen hat. Vier Angestellte verlassen am Samstagmittag das Büro und versuchen ein Wochenende lang, den Arbeitsalltag zu vergessen und ein möglichst erfüllendes Leben zu führen, zu planen oder sich doch mindestens daran zu erinnern. Der Roman erzählt in der Tradition von Irmgard Keun und Gabriele Tergit von weiblicher Berufstätigkeit, in diesem Fall im Nachkriegswirtschaftswunder der Fünfzigerjahre. Mehr über Leben und Werk von Ruth Rehmann habe ich hier für das Online-Feuilleton 54 Books aufgeschrieben.

Im Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin hat im April eine Veranstaltungsreihe zum Thema Mental Health und Literatur stattgefunden. An fünf Abenden sprachen unterschiedliche Autor*innen in diesem Zusammenhang über die Aspekte Körper, Familie, Klasse, Social Disease und Geschlecht. Den Abend über „Mental Health und Geschlecht in der Literatur“ mit den Autor*innen Yael Inokai und Mischa Mangel und der Psychologin und Literaturwissenschaftlerin Anna Hetzer habe ich moderieren dürfen. Wir haben über die Psychiatriekritik der 1960er Jahre gesprochen und darüber, wie sie sich in der Literatur niederschlägt. Und natürlich über Ein simpler Eingriff von Yael Inokai (hier kurz besprochen) und Ein Spalt Luft von Mischa Mangel, einem Roman, in dem sich der Ich-Erzähler den ersten zwei Jahren seines Lebens zu nähern versucht, in denen er mit seiner unter einer Psychose leidenden Mutter isoliert lebte – eine literarische Collage, die ich so schnell nicht vergessen werde. Unser Gespräch ist hier nachzusehen, ebenso wie alle anderen Veranstaltungen der Reihe. 

Eine weitere Veranstaltungsreihe, an der ich teilnehmen durfte, gab es im Mai im Literarischen Colloquium in Berlin. Unter der Überschrift Und seitab liegt die Stadt ging es um die Zukunft in Natur, Gesellschaft, Liebe und Literatur. Die Autorinnen Shida Bazyar und Emma Braslavsky haben zwölf Gäste eingeladen, ihre Visionen zu teilen. In sechs Tandem-Panels wurde darüber diskutiert, wie in Zukunft gearbeitet, gereist, geliebt, gelebt, geschrieben und gelesen wird. Programm und Panels des ersten Tages sind auf der Website des LCB nachzuschauen. Im Gespräch von Katharina Schultens und mir ging es darum, wie sich der Literaturbetrieb in Zukunft ändern könnte, sollte, müsste. Es ging um Verlage, ums Feuilleton und um Förderprogramme. Der ganze zweite Festivaltag ist hier nachzusehen, unser Gespräch beginnt bei 3:35. Das Booklet mit den vielen lesenswerten Essays, die die Gäste vorab verfasst und vor den Gesprächen gelesen haben, steht hier als Download zur Verfügung. 

Zum Schluss noch zwei kurze Empfehlungen: ein Sachbuch und ein Klassiker, den ich kaum zur Seite legen konnte. 

In Heike Spechts neuem Buch Die Ersten ihrer Art geht es um die Frauen, die in Politik und Wirtschaft die Ersten waren, die kaum Vorbilder hatten und sich in einer Männerwelt ihre Position erkämpften. Sehr unterhaltsam und dabei sehr informativ erzählt Heike Specht, wie Margaret Thatcher, Petra Kelly, Claudia Roth, Angela Merkel, Kamala Harris und andere sich in einer Männerwelt durchgesetzt haben und Geschichte schrieben – eine Geschichte, die auch die Gegenwart nochmal in anderem Licht erscheinen lässt.  

Als ich neulich mal eine Pause brauchte von Büchern, die ich für das ein oder andere Projekt lesen muss, habe ich zu Meine Cousine Rachel von Daphne du Maurier gegriffen, einem Klassiker, den ich schon lange lesen wollte, und der sich als wahrer Pageturner erwiesen hat. Auch dies – hier schließt sich der Kreis dieses Newsletters – in gewisser Weise eine Dreiecksgeschichte, aber ganz anders. Auf einer Farm in Cornwall spielt sich ein stilles Drama ab, dessen Spannung sich daraus speist, ob dem Erzähler eigentlich zu trauen ist. Oder ist der Frau nicht zu trauen, die durch die Ehe mit dem Ziehvater des Erzählers überraschend auf die Farm kommt?

Am Ende dieses Newsletters noch eine kurze Aussicht auf das, was als nächstes kommt: Am Freitagabend bin ich auf Einladung der Burg Hülshoff in Münster, um mit Heike Gfrereis und Rita Morrien über Geschlechterdarstellungen in der Literatur zu sprechen, hier gibt es nähere Informationen. Dann lese ich Ende Juni noch in Hannover und in Magdeburg, die Details sind hier verlinkt. Im Juli und August gibt es keine Lesungen, weil ich neue Projekte vorbereiten muss und Urlaub mache. Für eine Veranstaltung in Bonn Anfang September werde ich viel von Simone de Beauvoir lesen, und die ersten vielversprechenden Bücher, die im Spätsommer und Herbst erscheinen, trudeln auch schon ein, und von diesen Lektüren wird dann hier sicher auch bald die Rede sein.

Nicole Seifert

Veröffentlicht von

Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

Ein Kommentar zu „Newsletter: Was war und was kommt

  1. Liebe Frau Seifert, danke für Ihr Buch Frauen/Literatur und Ihre tolle Übersetzung von Detransition, Baby. Letzteres habe ich gestern fertig gelesen. Viele frauenfreundliche Grüße Claudia Spring  Nacht und Tag <comment-reply@wordpress.com> h

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