Linderung durch Eichhörnchen

Wenn ein Buch mit einem unerwarteten Heiratsantrag beginnt, der überrascht angenommen wird, dann ist die entscheidende Frage, ob es am Ende auf das klassischste aller Happy Endings hinauslaufen wird oder nicht. Veblen, die Protagonistin von Elizabeth McKenzies Roman Im Kern eine Liebesgeschichte, ist Anfang dreißig und arbeitet in Palo Alto, Kalifornien, für eine Zeitarbeitsfirma. Ihren Freund Paul kennt sie noch gar nicht so lange, und eigentlich ist sie mit ihrem Leben ganz zufrieden, so wie es ist. Continue reading „Linderung durch Eichhörnchen“

Das gefrorene Meer in uns

Ellinor ist sechsunddreißig, sie kommt vom Dorf und ist nicht besonders gebildet, aber sie kann kämpfen, und sie weiß, was sie will, nämlich einen zärtlichen, nicht allzu zärtlichen Mann. Über das Internet lernt sie den Literaturkritiker Calisto kennen. Beide sind von ihren bisherigen Erfahrungen gezeichnet, ihre Seelen sind vernarbt. Romantische Erwartungen haben sie eigentlich nicht aneinander, und was sich zwischen ihnen entspinnt, ist denn auch alles andere als eine durchschnittliche Liebesgeschichte. Continue reading „Das gefrorene Meer in uns“

Kurz und knapp

Drei kurze Besprechungen dreier sehr unterschiedlicher Romane, alle auf ihre Weise grandios. Ein großartiger amerikanischer Erzähler über obsessive Liebe, Eltern- und Geschwisterliebe und deren Grenzen. Ein episches englisches Sittengemälde, das in den Dreißigerjahren auf einem Landsitz in Sussex beginnt. Und ein so kluger wie komischer deutscher Roman über die Abgründe, vor denen Frauen sich heute oft wiederfinden.

Continue reading „Kurz und knapp“

Fremde Genüsse

In Bittere Orangen, dem neuen Roman von Claire Fuller, deren Eine englische Ehe mich im letzten Jahr begeistert hat, ist nichts, wie es scheint. Die Ich-Erzählerin Frances liegt in einer zunächst nicht näher bezeichneten Einrichtung auf dem Sterbebett, neben ihr sitzt ein Pastor, der sie dazu bringen will zu beichten. Allein um ihren Seelenfrieden scheint es ihm dabei nicht zu gehen, in seinen Fragen schwingen auch kriminologische Neugier und Sensationslust mit.

Der Pastor fragt mich, was ich bereue und ob ich ein ruhiges Gewissen habe, und dann flüstert er: „Erzählen Sie, was wirklich geschehen ist.“

Es muss etwas Schlimmes passiert sein in der Vergangenheit. Aber von Anfang an ist klar, dass Frances nicht einfach erzählen wird, was sie weiß. Sie spielt ein Spiel mit dem Pastor, so wie Claire Fuller mit uns.

Continue reading „Fremde Genüsse“

Wer hat es verdient?

Eine französische Großfamilie trifft sich bei der Beerdigung von Onkel Simon und Tante Tamara, die immer der Dreh- und Angelpunkt der Familie waren und nun im hohen Alter im Abstand von wenigen Stunden gestorben sind. Da sie gut betucht waren und keine Kinder hatten, rechnen sich sämtliche Hinterbliebenen – eine betagte Schwester, diverse Nichten und Neffen – Chancen aufs Erbe aus. Allerdings ist, wie sich bereits auf dem Weg zur Friedhofskapelle herumspricht, das Testament abhandengekommen, es existiert nur eine Kopie, die juristisch nichts wert ist. Man wird sich verständigen müssen. Continue reading „Wer hat es verdient?“

Sex, Lügen und Champagner – Agieren im menschlichen Chaos

Christian Kauffmann mag keine Überraschungen und keine Unwägbarkeiten. Er ist kein Mann der Tat, er guckt lieber zu und tut, was von ihm erwartet wird, emotionale Stürme sind ihm fremd. Vielleicht ist er deshalb auf eine renommierte Butler-Schule gegangen und nimmt seinen ersten Job bei einer mehr als gut situierten Züricher Familie an. Denn dort hat alles seine Ordnung, und auch er hat seinen klar bestimmten Platz, den des dienenden, die Ordnung erhaltenden Beobachters. Und es gibt Einiges zu beobachten im Hause Hobbs. Da ist die schöne, lässig-ironische Frau Hobbs, Continue reading „Sex, Lügen und Champagner – Agieren im menschlichen Chaos“

Im Muster gefangen

Eine junge Frau zieht mit ihrem Mann zur Erholung in ein Haus auf dem Land. Drei Monate später endet sie dort im Wahnsinn. Charlotte Perkins Gilmans Erzählung Die gelbe Tapete, erstmals erschienen 1892, ist ein Schlüsseltext weiblichen Schreibens und ein Klassiker der amerikanischen Literatur, der an die Horrorgeschichten von Edgar Allan Poe erinnert (und sich wie diese hervorragend zum Vorlesen eignet). Jetzt hat der Dörlemann Verlag den Text neu übersetzen lassen und in einer bibliophilen, zweisprachigen Ausgabe herausgebracht. Continue reading „Im Muster gefangen“