Schreibend Abschied nehmen

Barbara Honigmann und David Wagner, Philip Roth, Vivian Gornick und Annie Ernaux – all diesen Autor*innen war der Abschied von einem Elternteil Anlass, ein Buch über den Vater oder die Mutter zu schreiben. Abschied und Tod sind dabei nicht gleichzusetzen, denn oft beginnt das Abschiednehmen noch zu Lebzeiten, mit einer schweren Krankheit, oder wenn eine Demenz einen Menschen verändert und gemeinsame Erinnerungen schwinden lässt. Annie Ernaux’ Buch über ihren Vater, Der Platz, habe ich hier bereits besprochen, nun erscheint bei Suhrkamp Eine Frau, ihr ebenso schmales Buch über ihre Mutter, das mit deren Sterben beginnt. „Schreibend Abschied nehmen“ weiterlesen

Linderung durch Eichhörnchen

Wenn ein Buch mit einem unerwarteten Heiratsantrag beginnt, der überrascht angenommen wird, dann ist die entscheidende Frage, ob es am Ende auf das klassischste aller Happy Endings hinauslaufen wird oder nicht. Veblen, die Protagonistin von Elizabeth McKenzies Roman Im Kern eine Liebesgeschichte, ist Anfang dreißig und arbeitet in Palo Alto, Kalifornien, für eine Zeitarbeitsfirma. Ihren Freund Paul kennt sie noch gar nicht so lange, und eigentlich ist sie mit ihrem Leben ganz zufrieden, so wie es ist. „Linderung durch Eichhörnchen“ weiterlesen

Die Dauer lebenslanger Liebe

Als sich Antonia und Edgar Anfang der Sechzigerjahre in Hamburg begegnen, fühlen sich die beiden so unterschiedlichen Menschen sofort zueinander hingezogen. Antonia ist Optimistin, sie ist überschwänglich und voller Energie, Edgar neigt dazu, sich Sorgen zu machen, ist zurückhaltend und vorsichtig. Die Konventionen der Wirtschaftswunderzeit machen es dem Liebespaar nicht leicht. Wenn man wie Antonia zur Untermiete wohnt, ist Herrenbesuch nach 22 Uhr ein Problem, auch wenn man längst über zwanzig ist. Und die Pille würde ihr der Arzt auch nur verschreiben, wenn sie verheiratet wäre und schon mehrere Geburten vorzuweisen hätte. Bevor sie jedoch heiraten können, „Die Dauer lebenslanger Liebe“ weiterlesen

Große Pläne, kleine Feuer

Das Haus der Richardsons brennt gleich auf der ersten Seite. Mrs. Richardson, die an diesem Vormittag ganz entgegen ihrer Gewohnheit (und ihre Gewohnheiten sind eigentlich in Stein gemeißelt) lange geschlafen hat, hat sie selbst entdeckt: kleine Feuer überall, in jedem Schlafzimmer der sechsköpfigen Familie. Im Bademantel wartet sie an der Straße auf die Feuerwehr, auf ihren Anwaltsgatten, ihre zwei Söhne und zwei Töchter im Alter zwischen vierzehn und siebzehn Jahren. Bald sind alle da und sehen gemeinsam das Haus abbrennen, alle bis auf eine. Es fehlt die jüngste Tochter Izzie, Hitz- und Querkopf und deshalb das schwarze Schaf der Familie. Es sind sich alle einig, dass nur sie die Feuer gelegt haben kann.  „Große Pläne, kleine Feuer“ weiterlesen

Unsichtbare Strömungen im Ozean

Was nie geschehen ist, das erste Buch der dreißigjährigen New Yorkerin Nadja Spiegelman, ist eine biographische Spurensuche der besonderen Art, die sich liest wie ein Roman und dabei so reflektiert und interessant ist wie ein Essay. Am Anfang dieser Suche stand der Wunsch der Autorin, ihre Mutter besser zu verstehen; am Ende der Gespräche, die Spiegelman mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter über Jahre hinweg führte, steht ein Buch, das seinesgleichen sucht. „Unsichtbare Strömungen im Ozean“ weiterlesen

Von Wunden und Wundern

Das Leben von Rose Bowan ist alles andere als spektakulär. Sie ist 34, unfruchtbar und leitet zusammen mit ihrer Mutter ein altes Programmkino. Wenn sie sich dienstags und freitags mit ihrem etwas zwanghaft veranlagten Freund trifft, täuscht sie ihre Orgasmen vor, überhaupt kann sie sich seit langem nur aus Mitleid überwinden, sich einem Mann hinzugeben. Eines Tages verliert sie während eines Gewitters das Bewusstsein und findet sich im Körper einer anderen Frau wieder. Sie ist gewissermaßen zu Gast in diesem Körper, über den sie keine Kontrolle hat, spürt aber genau, was diese fremde Frau spürt – und es ist vollkommen anders, als alles, was sie kennt. Jede Wahrnehmung ist sinnlicher, jede Berührung intensiver. „Von Wunden und Wundern“ weiterlesen