Porträt der Künstlerin als junge Frau

„Und?“ sagt er, bevor ich zu weit von ihm weggelangen kann, „was macht der Roman?“ Er sagt es, als wäre das Wort meine Privaterfindung. […] Wieviele Seiten hast du jetzt schon?“

„Sowas wie zweihundert.“ Ich bleibe nicht stehen. Bis zu dem Anbau an der Garage sind es nur noch ein paar Schritte.

„Weißt du“, er stößt sich von seinem Auto ab, wartet, bis er meine volle Aufmerksamkeit hat, „ich staune nur immer wieder, dass du glaubst, du hättest etwas zu sagen.“

Diese Anfangsszene von Lily Kings neuem Roman, der auch auf deutsch Writers & Lovers heißt, hat die Autorin genau so selbst erlebt, wie ihr Roman überhaupt sehr autobiografisch inspiriert ist. Genau wie ihre Protagonistin Casey hatte Lily King durch ihr Studium einen Berg Schulden, den sie durch Doppelschichten als Kellnerin abzutragen versuchte, sie lebte im Anbau einer Garage und hatte keine Krankenversicherung. Dass ihr gutverdienender Nachbar glaubt, sie würde sich zu wichtig nehmen, ist nicht nur respektlos, sondern überhaupt ein Missverständnis, denn Casey glaubt gar nicht, etwas zu sagen zu haben, ist weit davon entfernt, missionieren zu wollen. Beim Schreiben fühlt sich für sie einfach alles nicht mehr so trostlos an. Es geht eher darum, etwas unter Kontrolle, in den Griff zu bekommen, bei sich zu sein. Schreiben ist für sie etwas Notwendiges, eine Lebensform.

Wie Lily King im März 2020 in einem Artikel für Literary Hub schrieb, war ihr dieser Roman ein besonderes Bedürfnis, weil es das Buch ist, das sie selbst als Zwanzig- und Dreißigjährige so schmerzlich vermisst hat: „eine Geschichte über den holprigen Weg einer jungen Frau zur Schriftstellerin.“ Damals, als sie solche Geschichten suchte, fand sie Hemingways Paris – Ein Fest fürs Leben, Joyces Porträt des Künstlers als junger Mann, Hamsuns Hunger, McInerneys Ein starker Abgang und las diese Geschichten junger Männer, die mit sich und dem Schreiben rangen, immer wieder. „Aber wo waren entsprechende Bücher über Frauen? Wo waren die Bücher über ihr Ringen?“

Lily King hat einen ausgesprochen unterhaltsamen Roman geschrieben über eine junge Frau, die versucht, über eine Trennung hinwegzukommen, die außerdem um ihre unerwartet verstorbene Mutter trauert, und die versucht, trotz aller Widrigkeiten auf ihrem eigenen Weg zu bleiben. Das sind Themen, aus denen sich nicht so leicht ein gut lesbarer, so komischer wie abgründiger und dabei sehr wahrer Roman ergibt, aber in diesem Fall ist das gelungen. Das hat viel mit der Protagonistin selbst zu tun. Casey ist eine junge Frau, die für ihr Schreiben von Vielen belächelt wird, an deren Talent die Wenigsten glauben, und die trotzdem an ihrem Traum festhält. Zugleich versucht sie, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dazu gehört es auch, sich darüber klar zu werden, mit welchen Menschen sie sich umgeben möchte. Es geht darum, den richtigen Partner zu finden – oder allein zu bleiben, darum, zu erkennen, wer oder was ihr gut tut und was man hinzunehmen bereit ist oder sein sollte. Caseys zentrale Beziehungen in dieser Phase ihres Lebens sind jedoch die zu ihrer verstorbenen Mutter und die zu ihrer Kunst.

Das Schreiben bestimmt Caseys Leben, auch wenn sie nicht schreibt. Dazu gehören auch die Nebenjobs, Gespräche mit anderen Schreibenden und unterschiedlichste Ausläufer des Literaturbetriebs. Zum Beispiel fällt ihr immer wieder auf, wie anders Autorinnen für die Porträtfotos in der Umschlagklappe inszeniert werden, wie anders als ihre männlichen Kollegen sie aufzutreten gezwungen sind: weniger fordernd und selbstbewusst nämlich, andernfalls gereicht es ihnen zum Nachteil. Bloß nicht vermitteln, man glaubt, man hätte etwas zu sagen. In der Washington Post hieß es über den Roman: „Er erforscht eine Kultur, die entschlossen ist, junge Frauen sexuell zu beschämen, ihre Motivation zu behindern und ihre Ambitionen zu verhöhnen.“

Zwei kleine Kritikpunkte an dem Roman drängen sich auf: Mehr als eine der Kellnerinnen-Szenen in der ersten Hälfte ist zu lang geraten, und das Ende scheint ein bisschen sehr happy. Doch ob Caseys Leben so happy weitergehen wird, oder ob es nur eine – vielleicht nicht mal besonders belastbare – Momentaufnahme ist, bleibt offen, und so fallen beide Kritikpunkte aufs Ganze gesehen nicht besonders ins Gewicht.

Casey ist mit ihren Wunden und ihrer Sensibilität, ihrer Intelligenz, ihrem Witz und ihrer Entschlossenheit eine in ihrer Komplexität wunderbar gelungene Protagonistin. Das allein ist spannend und berührend und bereichernd. Marlene Streeruwitz hat im Interview (hier) kürzlich gesagt: „Das wäre es, was Literatur sein sollte für mich: Der Bericht vom Leben.“ Genau das ist Writers & Lovers im besten Sinne.

Nicole Seifert

Lily King
Writers & Lovers
Roman
Deutsch von Sabine Roth
C.H. Beck
319 Seiten
24 Euro

 

 

 

 

 

 

 

Published by

Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

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