Ein stilles, tiefes Wasser

Als ich neun Jahre alt war, lernte ich schwimmen. Meine Mutter brachte es mir im Traum bei, da war sie schon tot.

Der erste Satz dieses feinen Debütromans von Mona Høvring nimmt einen bei der Hand, als führe er auf vertrautes Terrain, aber schon mit dem zweiten steht man am Abgrund. Laura war sechs, als ihre Mutter ins Wasser ging, seitdem leben in dem Häuschen an der norwegischen Küste nur noch ihr älterer Bruder, der in sich gekehrte Vater und sie. In dem Traum ist Laura, als glitte sie in ein anderes Dasein hinein. Sie sagt ihrer Mutter, die die Hände unter ihren Bauch hält, sie dürfe nun loslassen, sie könne jetzt schwimmen – und wacht im selben Moment auf. Ohne zu überlegen, nimmt Laura den Badeanzug aus der Kommode und schleicht sich aus dem Haus, an den Strand.

Wie es im Titel heißt, erzählt der Roman von dem, was helfen könnte – beim Überwinden der Trauer, beim Weiterleben, beim Erwachsenwerden. Er erzählt von der Freundschaft mit Marie, die Laura in der vierten Klasse kennenlernt und deren selbstsicherer Umgang mit der Scheidung ihrer Eltern sie beeindruckt. Marie geht jeden Morgen mit ihrer Mutter schwimmen, bald begleitet Laura sie dabei, eine Routine, die sie liebgewinnt; doch dann ziehen Marie und ihre Mutter plötzlich weg. Er erzählt von Lauras Bekanntschaft mit dem Gärtner Andreas und seiner Frau Johanna, die Laura vorleben, wie es ist, weltoffen und im Leben verwurzelt zu sein. Er erzählt mit einer Eleganz, die ihresgleichen sucht, von ersten erotischen Erlebnissen, an denen Laura reift und durch die sie dem Leben ein Stück näherkommt. Doch auch der Konjunktiv des Romantitels ist wohlgesetzt.

Der Roman ist von der Kritik mit Françoise Sagans Bonjour Tristesse und Sylvia Plaths Die Glasglocke verglichen worden, zwei modernen Klassikern, die ich kaum in einem Atemzug genannt hätte. Bei genauerem Hinsehen jedoch haben die drei Romane tatsächlich viel gemeinsam: die erwachende Sexualität ihrer Protagonistinnen, den Verlust eines Elternteils, die Wurzellosigkeit der Väter und Verlorenheit der Töchter, das intensive Empfinden und den Sog des Dunklen. Was helfen könnte findet für all das die Metapher des Wassers, das schon in den ersten beiden Sätzen für den Tod der Mutter und dessen Überwindung steht, für Traum und Realität, für das Leichte und das Schwere, Anfang und Ende – und für die Untrennbarkeit dieser Gegensätze.

Mona Høvring, 1962 in Norwegen geboren, begann ihre schriftstellerische Laufbahn als Lyrikerin, was man auch der wunderbaren Übersetzung von Ebba D. Drolshagen anmerkt. Bei Mona Høvring ist „das Licht lichter, das Dunkle dunkler“ und „das Spielerische, Poetische verbindet sich mit Figuren und Orten zu einer neuen ‚høvringschen’ Einheit“, wie es die Jury des norwegischen Kritikerpreises für den besten Roman 2018 so treffend formulierte (die Autorin erhielt ihn für ein späteres Buch). Was helfen könnte ist ein kleines Kunstwerk, das atmosphärisch leicht daherkommt und sich genauso liest, dabei aber viel zu sagen hat. Ein stilles, tiefes Wasser.

Nicole Seifert

Mona Høvring
Was helfen könnte
Roman
Aus dem Norwegischen von Ebba D. Drolshagen
Edition Fünf
144 Seiten
19 Euro

 

 

 

 

 

 

Published by

Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

4 Antworten auf „Ein stilles, tiefes Wasser

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