Von Wunden und Wundern

Das Leben von Rose Bowan ist alles andere als spektakulär. Sie ist 34, unfruchtbar und leitet zusammen mit ihrer Mutter ein altes Programmkino. Wenn sie sich dienstags und freitags mit ihrem etwas zwanghaft veranlagten Freund trifft, täuscht sie ihre Orgasmen vor, überhaupt kann sie sich seit langem nur aus Mitleid überwinden, sich einem Mann hinzugeben. Eines Tages verliert sie während eines Gewitters das Bewusstsein und findet sich im Körper einer anderen Frau wieder. Sie ist gewissermaßen zu Gast in diesem Körper, über den sie keine Kontrolle hat, spürt aber genau, was diese fremde Frau spürt – und es ist vollkommen anders, als alles, was sie kennt. Jede Wahrnehmung ist sinnlicher, jede Berührung intensiver.

Als Rose in ihrem Büro wieder aufwacht, glaubt sie zunächst, eine Halluzination gehabt zu haben. Sie recherchiert jede Eventualität vom luziden Traum bis zu einer Psychose, aber nichts passt. „Es fühlt sich an wie ein Wunder.“ Das Wunder wiederholt sich in dieser schwülen Hochsommerwoche des Jahres 2005 bei jedem Gewitter, und bald ist Rose süchtig nach diesen Episoden. Das liegt nicht nur am Liebhaber von Harriet, der Frau, deren Körper Rose „besucht“, da ist noch etwas: Harriet hat die Augen von Roses kleiner Schwester Ava, die gestorben ist, als Rose noch ein Kind war – wie und durch wessen Schuld wird in mehreren Rückblenden ins Jahr 1982 erzählt, die auch verdeutlichen, wie Rose zu der Frau wurde, die sie ist.

Roses Mutter Fiona befindet sich im frühen Stadium einer Demenz und erlebt so ihre ganz eigenen Episoden jenseits der Realität. Von ihrer Tochter Ava hat sie seit Jahrzehnten nicht gesprochen, nun erwähnt sie sie plötzlich wieder, scheint sie manchmal sogar für lebendig zu halten. Beide, Mutter und Tochter, leben also in multiplen Realitäten, in denen Unmögliches möglich, lange nicht Gespürtes spürbar und nie Erlebtes erlebbar wird. Und obwohl sich ihre Episoden jeder Kontrolle entziehen, obwohl sie jedes Mal schneller wieder vorbei sind als gewünscht, beginnen sie die eigentliche Realität zu beeinflussen und zu bereichern. Die Grenzen verschwimmen.

Was Barbara Gowdy, eine der bekanntesten Autorinnen Kanadas, hier geschaffen hat, passt in keine Schublade, ist leichthin geschildertes Psychodrama mit angenehmem Gruseleffekt, jedoch nicht ohne komische Momente, ist realistisches Erzählen, das à la Hitchcock plötzlich ins Surreale, Übersinnliche kippt – motivisch begleitet von den Filmklassikern, die Rose in ihrem Programmkino zeigt: Rosemaries Baby, Das Fenster zum Hof, Misfits. Mit Rose und Fiona hat Gowdy wunderbar schräge Protagonistinnen geschaffen und mit der Sträflingsaushilfe Lloyd und dem Yogalehrer Marsh großartige, eigenwillige Männerfiguren, deren so realistische wie originelle Dialoge ein Vergnügen für sich sind.

Barbara Gowdy erzählt fesselnd von den Geistern der Vergangenheit, von Geschwisterliebe und Schuld, sie macht das sinnliche Erleben ihrer Figuren nachvollziehbar und setzt die Komplexität ihres Seelenlebens scheinbar leichthin in Szene. Selbst das Wetter ist hier weitaus mehr als eine naheliegende Metapher oder ein Klischee der kanadischen Literatur, denn im Licht des Blitzes erscheint nicht nur alles anders, er verbindet auch Himmel und Erde, bringt Erkennen und Transzendenz. So leicht sich diese Geschichte von Lust und Verlust, Wunden und Wundern liest, so nachhaltig ist der Eindruck, den sie hinterlässt. Eine Lektüre mit ganz eigenem Charme, die auch im Nachhinein immer wieder aufblitzt, nicht nur bei Gewitter.

Nicole Seifert

Barbara Gowdy
Kleine Schwester
Aus dem Englischen von Ulrike Becker
Verlag Antje Kunstmann
240 Seiten
16,99 Euro

 

Published by

Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

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