Im Muster gefangen

Eine junge Frau zieht mit ihrem Mann zur Erholung in ein Haus auf dem Land. Drei Monate später endet sie dort im Wahnsinn. Charlotte Perkins Gilmans Erzählung Die gelbe Tapete, erstmals erschienen 1892, ist ein Schlüsseltext weiblichen Schreibens und ein Klassiker der amerikanischen Literatur, der an die Horrorgeschichten von Edgar Allan Poe erinnert (und sich wie diese hervorragend zum Vorlesen eignet). Jetzt hat der Dörlemann Verlag den Text neu übersetzen lassen und in einer bibliophilen, zweisprachigen Ausgabe herausgebracht. Continue reading „Im Muster gefangen“

„Sagen wir einfach, wie es ist.“

„Wie erklärt man seinen Kindern, dass die meisten Beziehungen in ihren ersten Lebensjahren in die Brüche gehen, dass in dieser Zeit die Konflikte entstehen, die Unzufriedenheit, die Streitereien […]. Davor – bevor ihr kamt, mit offenen Mündern schreiend hungrig ewig wach – sprachen wir freundlich miteinander, gab es Liebe. Sorry, tut uns leid, aber ihr habt gefragt, und jetzt sagen wir einfach, wie es ist.“

Elternteile ist der dritte Roman der 1976 in Oslo geborenen Monica Isakstuen, für den sie vor zwei Jahren den Brage-Preis bekam, den wichtigsten Literaturpreis Norwegens. Es ist ein schonungslos offener Roman, Continue reading „„Sagen wir einfach, wie es ist.““

Ganz normale Frauen zwischen Drama und Selbstironie

„Mit jeder neuen Lebensphase stand man wieder bei Ikea, jede Hoffnung begann und endete dort.“ Das ist einer dieser wunderbaren Lucy-Fricke-Sätze, und er bringt auf den Punkt, was ihren neuen Roman Töchter ausmacht: Ihre Protagonistinnen, die nebenan wohnen könnten, reflektieren das Leben so klug wie ironisch, sie sind fast vierzig (die Autorin ist Jahrgang 1974), haben Herz und Verstand, und sie haben die ersten Verluste und Enttäuschungen des Lebens hinter sich. Continue reading „Ganz normale Frauen zwischen Drama und Selbstironie“

Seelische Mondlandschaften

Ingrid und Jan führen seit fast fünfundzwanzig Jahren eine stabile Ehe und haben zwei beinahe erwachsene Söhne; sie arbeitet als Lehrerin, er in einem Osloer Ministerium. Aber für Ingrid ist der Sinn dessen, was sie sich da aufgebaut haben, auf der Strecke geblieben. Ihr Leben macht sie nicht nur nicht mehr glücklich, sie erträgt all die Wiederholungen des ewig Gleichen kaum mehr, vermisst ihren früheren Enthusiasmus und sieht „überall nur das Kranke“. Es sind, auch wenn es im Roman nicht explizit benannt wird, Anzeichen einer ernsthaften Depression – und das bereits, bevor Ingrid erfährt, dass Jan eine andere Frau kennengelernt hat. Continue reading „Seelische Mondlandschaften“