Ein Segeltörn übers Mittelmeer und die Frage, wer mit wem schlief

Zwei Paare auf einem Segeltörn durchs Mittelmeer, die Luft riecht salzig, die Wellen plätschern sanft gegen das Schiff, die Wanten klingeln an den Masten. Tagsüber trägt man nicht viel mehr als eine Sonnenbrille und eine Kopfbedeckung, springt zur Abkühlung ins Meer und schaut dann den Handtüchern beim Trocknen zu, abends gibt es einen selbst gefangenen Fisch zu einem kühlen Glas Weißwein, während eine schwache Brise von den anderen Booten Gelächter herüber weht – kein Wunder, dass diese Geschichte von Vincent Almendros in Frankreich vor drei Jahren als „schönster Roman des Frühlings“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet wurde. Aber die Idylle trügt – sonst gäbe es schließlich nichts zu erzählen.

Der Ich-Erzähler Pierre und seine neue Freundin treffen sich mit seinem Bruder Jean und dessen Freundin in Neapel, denn dort liegt Jeans Boot vor Anker. Es handelt sich nicht gerade um eine schicke Segelyacht, das Mobiliar ist ziemlich heruntergekommen und es ist sehr eng, aber durch die große Geste, mit der Jean alles vorführt, sieht Pierre sich trotzdem genötigt, ständig alles mit „Cool!“ zu kommentieren.

Nachdem die vier abgelegt haben, wird schnell klar, dass der Erzähler zur Frau seines Bruders eine besondere Beziehung hat. Es war Pierre, der Jeanne seinem Bruder vorgestellt hat, und obwohl das mittlerweile sieben Jahre her ist, scheint ihre Geschichte noch nicht ganz vorbei zu sein. Während die Temperatur im Inneren des Bootes ins Unerträgliche steigt und sich das Meer als feindseliger erweist als erwartet, ist die Atmosphäre an Bord so angespannt wie erotisch aufgeladen. Das Boot ist übrigens auf den Namen Reviers getauft, Rückkehr. Es scheint klar, worauf das Ganze nur hinauslaufen kann.

Zwei Paare – das ist eine Figurenkonstellation, die sich von Goethes Wahlverwandtschaften bis zu Martin Walsers Ein fliehendes Pferd, von Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf bis zu Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels immer wieder bewährt hat, und die in romantischen Komödien genau so beliebt ist wie in Drama-Serien wie The Affair. Aber obwohl die Grundfrage immer dieselbe ist – Wer wird am Ende mit wem zusammen sein? –, ist es erstaunlich, was für eine Bandbreite an Geschichten sich so erzählen lässt. Dieser schmale Roman geht jedenfalls anders aus als erwartet. Die Reise nimmt für Pierre eine unerwartete Wendung und zieht eine Erkenntnis nach sich, die nicht nur ihn überrascht. Die aufgeheizte Mittelmeer-Atmosphäre, die Beziehungen der Figuren untereinander und das, was der Erzähler davon begreift oder auch nicht – all das bedeutet ein reines, kurzweiliges Lesevergnügen, das einem noch dazu den Sommer bringt.

Auf deutsch ist dieser zweite Roman des 1978 geborenen, in Paris lebenden Vincent Almendros im letzten Jahr als Wagenbach SALTO erschienen, einer der schönsten Buchreihen überhaupt.

Nicole Seifert

Vincent Almendros
Ein Sommer
Aus dem Französischen von Till Bardoux

Verlag Klaus Wagenbach
86 Seiten
15 Euro

Published by

Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

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