Kurz und knapp: Lieblingslektüren der letzten Zeit

„Es gibt verschiedene Arten, gegen ein gebrochenes Herz vorzugehen, aber der Besuch einer Fachtagung dürfte eine der unüblicheren sein.“

So beginnt Barbara Pyms Roman „In feiner Gesellschaft“ und hatte mich damit sofort. Dulcie Mainwaring ist von ihrem Verlobten sitzengelassen worden, hat einige Zeit gelitten und nun beschlossen, sich abzulenken und neue Kontakte zu knüpfen. Das führt dazu, dass sie schon bald nicht mehr allein in ihrem viel zu großen Elternhaus lebt, sondern zusammen mit zwei Frauen, denen sie sich zwar nicht besonders nahe fühlt, mit denen ihr Leben aber fortan eng verknüpft ist. Pym, die oft als Jane Austen des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet wurde, schafft ein Szenario, in dem erstmal niemand die liebt, von der er geliebt wird, und das ist – wie bei Austen – deshalb so gut und so unterhaltsam, weil es so normal ist und so entscheidend und so treffend und ironisch beobachtet. 

Als ich noch ein bisschen mehr über den Roman herausfinden wollte, bin ich im Netz auf eine Doktorarbeit zu Barbara Pym gestoßen und hab mich darin festgelesen – „Making a Life From the Margins: The Oblique Art of Barbara Pym“ von Phyllis Margaret Paryas. (Doch, ich habe eigentlich anderes zu tun, aber dazu passte das wiederum ganz gut.) Darin geht es darum, dass Pyms Protagonistinnen hin und her gerissen sind zwischen traditionellen Rollenvorstellungen und moderneren Vorstellungen von Frauenleben. Sie leben oft in prekären, ungeschützten Verhältnissen und kommunizieren dementsprechend vorsichtig und raffiniert. Komik und Ironie spielen hier eine große Rolle und ambivalente, indirekte Aussagen, Gesten der Verlegenheit und innere Monologe, die viel in Zweifel ziehen und in Frage stellen, ohne dass das von den Protagonistinnen laut geäußert würde – insbesondere nicht im Zusammensein mit dominanten Männern, die diese Beobachtungen nicht verstehen oder akzeptieren würden. Es geht der Dissertation zufolge bei Pym um die Macht der Schwachen und darum, wie sie sich in den Zwischenräumen der gesellschatlichen Strukturen einrichten. Und jetzt würde ich diesen bei aller Unaufgeregtheit so unterhaltsamen Roman am liebsten gleich nochmal lesen.

Barbara Pym (1913-1980) war schon mehr als ein Mal fast vergessen, nun hat sich der Dumont Verlag ihrer angenommen und lässt ihre Romane von Sabine Roth ins Deutsche übersetzen, und ich freue mich schon auf den nächsten.

Barbara Pym
In feiner Gesellschaft
Roman
Aus dem Englischen von Sabine Roth
Dumont Verlag
350 Seiten
20 Euro


Sigrid Nunez’ Erinnerungen an Susan Sontag hätten meinetwegen drei mal so lang sein dürfen, so gern hab ich dieses Buch gelesen. Der große Reiz lag für mich gar nicht ausschließlich in der Person von Susan Sontag, sondern in der Begegnung zweier Frauen – die eine sehr jung und unerfahren, die andere sehr meinungsstark und selbstgewiss. Das Setting tut das seine: die späten Siebziger- und Achtzigerjahre in Manhattan, die Upper Westside, die New York Review of Books, Nebenakteur*innen wie Joseph Brodsky und Elizabeth Hardwick. Sigrid Nunez, die längere Zeit mit Sontags Sohn zusammen war und mit den beiden zusammenlebte, schreibt aus der Distanz, als inzwischen selbst lebenserfahrene Frau, die damals schwer beeindruckt war von Sontag und ihrer Welt, sich aber doch hier und da auch damals schon mal dachte: eigentlich seltsam. Sontag beschreibt sie so liebevoll wie schonungslos, ein Buch, das sie so wohl nur nach Sontags Tod schreiben konnte. 

Sigrid Nunez
Sempre Susan
Erinnerungen an Susan Sontag
Aus dem Amerikanischen von Anette Grube
Aufbau Verlag
141 Seiten
18 Euro



Eine Insel, auf der regelmäßig Dinge verschwinden, Hüte, Rosen, Vögel, und mit den Dingen schwindet auch die Erinnerung an sie, sodass das Leben der Menschen auf der Insel immer armseliger wird, ohne ihnen dies jedoch bewusst wäre. Nur bei einigen wenigen Menschen ist es anders, ihre Erinnerungen bleiben – was sie in höchste Gefahr bringt, denn nach ihnen sucht die Memory Police (so der englische Titel dieses Buches, das in Japan bereits 1994 erschien und in diesem Jahr auf der Shortlist des Booker International stand). Soweit das Eingangsszenario, von der Handlung will ich gar nicht mehr verraten. Yoko Ogawa schildert das Leben in einem totalitären Staat so beklemmend und realistisch, als bestünde diese Welt nicht zu wesentlichen Teilen aus fantastischen Elementen – ein Kunstgriff, denn genau durch die fantastischen Momente wird das Ganze metaphorisch überhöht und dadurch um so deutlicher. Insel der verlorenen Erinnerung ist einerseits ein politischer Roman, andererseits geht er weit darüber hinaus, denn es geht um den Verlust nicht nur von Dingen und Menschen, sondern von Schönheit und von Erinnerungen und darum, was das für die menschliche Seele bedeutet. Ein Buch, das mir nicht so schnell aus dem Kopf gehen wird. 

Yoko Ogawa
Insel der verlorenen Erinnerung
Roman
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Liebeskind Verlag
352 Seiten
22 Euro



Auf den neuen Roman von Katrin Seddig war ich sehr gespannt, denn es geht um die Tage im Juli 2017, an denen sich in Hamburg die Staats- und Regierungschef*innen der G 20 trafen. Seddigs Figuren wirken auch in Sicherheitszone erstmal beinahe bemitleidenswert, dabei sind sie einfach ganz normal, nur ohne jeden Lack und Zuckerguss. Besonders die Menschen jenseits der vierzig sind hier in jeder Hinsicht ein bisschen heruntergekommen, hatten schon mal mehr Elan und größere Ziele, aber dann kriegen sie doch ein bisschen die Kurve, zumindest einige, am Horizont taucht etwas Neues auf und die Dinge stellen sich wieder anders dar. Wie schon in Das Dorf und Runterkommen erweist sich Katrin Seddig auch in diesem Roman wieder als Meisterin des Figurenensembles, in diesem Fall eine Familie, die bei aller räumlichen Nähe im Grunde nicht mehr viel voneinander weiß. Klingt furchtbar trostlos? Komischerweise ist das Gegenteil der Fall, denn auch in dieser Hinsicht wird schnell klar: Es ist einfach nur normal. Die Figuren wachsen einem von Seite zu Seite mehr ans Herz, die aufgeheizte, bedrohliche Stimmung in der Stadt an den G20-Tagen, die allein schon das ständige Kreisen der Hubschrauber hervorrief, ist wunderbar eingefangen, inklusive der sehr unterschiedlichen Haltungen – ohne dabei zum Thesenroman zu werden. Es geht ganz langsam los, noch scheint alles normal, dabei braut sich schon etwas zusammen, und plötzlich ist alles anders und dabei doch ganz plausibel.  

Katrin Seddig
Sicherheitszone
Roman
Rowohlt Berlin
464 Seiten
24 Euro

Es sind die Zwanzigerjahre in England. Lolly Willowes ist unverheiratet und kümmert sich um ihren Vater, während ihre Brüder ihr eigenes Leben führen. Als der Vater stirbt, gilt sie (mit nicht mal dreißig Jahren) als alte Jungfer, soll zu einem ihrer Brüder ziehen und sich dort als Tante einerseits unterordnen, andererseits dankbar und für alle da sein. Doch völlig unüblicher- und unvorhergesehenerweise hat Lolly Willowes eigene Vorstellungen. Sie sagt sich von ihrer Familie los und zieht aufs Land. Als ihr Neffe ihr hinterher zieht und wie selbstverständlich davon ausgeht, dass sie sich darüber freuen und weiter die Tante spielen wird, schließt sie einen Pakt mit dem Teufel.

Der Doerlemann Verlag hat mit diesem im Original 1926 erschienen Buch wieder mal einen Schatz gehoben. Ein Roman, der als unverdächtige Familiengeschichte beginnt, dann aber immer schräger und wilder wird und sich als tief- und abgründige Geschichte über Selbstbestimmung und Hexerei entpuppt. „A major minor classic“ hieß es im Guardian, der Lolly Willows 2014 als einen der 100 besten Romane präsentierte.

Sylvia Townsend Warner
Lolly Willows oder Der liebevolle Jägersmann
Roman
Aus dem Englischen von Ann Anders
320 Seiten
25 Euro

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Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

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