Autorinnen und das Vergessen – Alte Vorurteile und spannende Neuigkeiten

„Frauen haben früher eben einfach weniger geschrieben“ – das höre ich immer wieder, sogar von Programmverantwortlichen belletristischer Verlage, wenn ich sie darauf anspreche, dass sie in ihren Klassikerreihen kaum Werke von Autorinnen herausbringen. Auf die Behauptung, von Frauen gäbe es aus vergangenen Jahrhunderten ja leider kaum etwas, folgt meist einhelliges Nicken: Ja, leider, bedauerlich, aber ist nun mal so.

Nein, ist nicht so. Frauen haben immer geschrieben, sie schreiben schon genauso lange wie Männer. Nicht im selben Maße, aber auch längst nicht so wenig, wie allgemein angenommen wird. Natürlich wurde ihnen nicht dieselbe Bildung zugestanden, waren die familiären Anforderungen ungleich höher und die Lebensbedingungen hinderlich (kein eigenes Geld, kein Rückzugsort). Trotz dieser widrigen Umstände gab es immer Frauen, die Literatur geschaffen haben, und wenn sie dafür morgens um fünf aufstehen oder die Nacht durcharbeiten mussten, wie es von zahlreichen Autorinnen überliefert ist. Dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, es gäbe aus früheren Jahrhunderten so ungefähr nichts außer Jane Austen und der Günderode, hat andere Gründe.

Die Werke von Frauen geraten in Vergessenheit. Das gilt für Schriftstellerinnen wie für Komponistinnen, Malerinnen und alle anderen Künstlerinnen. Sie geraten in Vergessenheit, weil wenig bis nichts dafür getan wird, dass sie in Erinnerung bleiben. Das geht mit der Rezeption los: Wie schon in meinem Artikel Es ist was faul im deutschen Feuilleton ausgeführt, wurden und werden Autorinnen deutlich weniger besprochen. Und wenn sie rezensiert werden, geht es viel zu häufig um Person und Aussehen der Autorin, wird ihre schriftstellerische Leistung regelmäßig mit außerliterarischen Argumenten herabgewürdigt. Diese Art der Rezeption legt den Grundstein dafür, dass die Werke von Künstlerinnen schlechter kontextualisiert, kanonisiert und archiviert werden. So entsteht über die Jahrhunderte der Eindruck, es gäbe kaum wichtige Autorinnen. Sieht man genauer hin, stellt sich die Lage ganz anders dar.

Am letzten Septemberwochenende habe ich in Köln das Literaturfestival INSERT FEMALE ARTIST besucht, bei dem es um genau diese Themen ging. Schriftsteller*innen, Filmemacher*innen und Wissenschaftler*innen verschiedener Fachrichtungen sprachen darüber, wie Autorinnen von der Verlagsvorschau bis zur Filmbiografie inszeniert werden, wie sie erzählt und erinnert werden, und warum sie häufig eben nicht erinnert werden.

Zu Beginn veranschaulichten die Autorinnen Christiane Frohmann und Shida Bazyar auf sehr unterschiedliche Weise, wie ungleich Männer und Frauen im Literaturbetrieb behandelt werden. Shida Bazyar las ihren Text Bastelstunde in Hildesheim, in dem sie ihren Bewusstseinswandel während des Studiums am Literaturinstitut Hildesheim beschreibt. Erst nach und nach wurde ihr klar, wie anders sie als nicht weiße Frau behandelt wurde und durch welch kleine, subtile Gesten Diskriminierung stattfindet:

Denn insgesamt war das Institut für mich eine Welt, die so funktioniert wie die Welt. Und diese Welt verteilt Zugänge und Ressourcen an unterschiedliche Gruppen auf unterschiedliche Weise. Das muss man erst mal schlucken. Sowohl wenn man davon profitiert als auch, wenn man dadurch benachteiligt wird. Sowohl ich, die ich meistens drei Mal meine Meinung sagen muss, um gehört zu werden, als auch die Leute, die bisher nicht wussten, dass sie bevorteilt werden, müssen das schlucken. […]Redeanteile in Seminaren hätte man sehr schön mitzählen und aufzeigen können. Nicht nur, wie oft sich Männer melden, sondern auch, wie dominant das Gesagte in der Diskussion wurde, selbst, wenn sie sich nur ein oder zwei Mal meldeten. Ich fand das als Studentin (vor meiner Wut) immer ok, ich fand ja auch, dass sie klügere Sachen zu sagen haben als ich.

Christiane Frohmann nähert sich dem Thema durch mathematische Gleichungen, die die Ungleichheit im Literaturbetrieb auf den Punkt bringen. (Um Begriffsschwierigkeiten zuvorzukommen: „B_POC“ steht für Black People and People of Colour. „Cis gender“ ist die Bezeichnung für Personen, die sich mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren – im Unterschied zu „transgender“.) Ich bitte, sich diesen Auszug auf der Zunge zergehen zu lassen:

Cis Mann + Verlagsveröffentlichung = AUTOR
Cis Frau + Verlagsveröffentlichung = SCHREIBT GERN
Non-binäre oder trans Person + Verlagsveröffentlichung = MODEERSCHEINUNG

Weißer cis Mann + erfolgreiche Verlagsveröffentlichung + rücksichtsloses soziales Verhalten = GENIE
Person, die kein weißer cis Mann ist + erfolgreiche Verlagsveröffentlichung + vernünftige Forderungen = DIVA

Weißer cis Mann + Roman + poetischer Stil = POETISCH
Cis Frau + Roman + poetischer Stil = BERÜHREND
Non-binäre oder trans Person + Roman + poetischer Stil = BERÜHREND
B_POC + Roman + poetischer Stil = BERÜHREND

Cis Mann + Verlagsveröffentlichung + Lederjacke = REBELL
Cis Mann + Verlagsveröffentlichung + Cap = COOL, MUSS BEI VERLAGSPARTY AUFLEGEN
Cis Frau + Verlagsveröffentlichung + Kleidung = FRAU
Cis Frau + Verlagsveröffentlichung + nackt = FRAU

Die unterschiedliche Wahrnehmung und Bewertung von Autorinnen und Autoren beginnt bereits beim Publikum. Das machte ein Podiumsgespräch mit der Autorin Ninia LaGrande Binias deutlich, die seit vielen Jahren erfolgreich als Poetry Slammerin auftritt. Spreche ein Mann über die Liebe, werde das vom Publikum – das bei Poetry Slams aufgerufen ist, durch Applaus oder Punktetafeln eine Bewertung abzugeben – als etwas Tolles empfunden; tue es eine Frau, eher als süß. Spreche ein Mann über seinen Penis: Lachen, Applaus, zehn Punkte. Spreche eine Frau über ihre Vagina, habe das den gegenteiligen Effekt und werde als eklig wahrgenommen. Trete eine Frau mit feministischen Themen auf, finde das niemand lustig, und schon gar nicht werde es als cool oder großartig empfunden, was es aber zu sein scheint, wenn ein Mann sich das Thema aneignet. Hier greifen tiefsitzende Vorurteile darüber, was bei welchem Geschlecht in Ordnung ist und was nicht, worüber die einen reden dürfen und die anderen zu schweigen haben – was exakt der Definition von Sexismus entspricht.

Apropos Aneignung: Der Bonner Germanist Johannes Franzen sprach in seinem Vortrag „Männliche Bauchredner weiblicher Erfahrungen“ über die in der Literaturwissenschaft umstrittene Frage, wer wessen Geschichte erzählen, wer sich wessen Stimme zu eigen machen darf. Literatur gibt Autor*innen die Freiheit, Geschichten zu erzählen, die sie nicht selbst erlebt haben. Aber hat diese Freiheit auch Grenzen? Darf ein Mann im Roman uneingeschränkt aus der Perspektive einer Frau schreiben? Verbieten kann man es nicht – ob es gelingt, ist eine andere Frage. Franzen referierte ein paar spektakulär misslungene Versuche, eine weibliche Figur glaubhaft darzustellen, von Philip Roth über Klaus Rainer Röhl bis Feridun Zaimoglu. Spektakulär misslungen, weil sie sexistische Klischees reproduzieren, die innerhalb des Textes dazu dienen, die männlichen Protagonisten besser dastehen zu lassen, statt über Geschlechtergrenzen hinweg imaginäre Empathie unter Beweis zu stellen. Als gelungene Beispiele für weibliche Protagonistinnen männlicher Autoren wurden – von Frauen – beispielsweise Tolstois Anna Karenina genannt, Nora Webster von Cola Tóibín und The Crimson Petal and the White von Michel Faber.

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Den Veranstalterinnen von INSERT FEMALE ARTIST, Sonja Lewandowski und Svenja Reiner, ging es aber nicht darum, Missstände zum x-ten Mal festzustellen, ihnen ging es darum, miteinander ins Gespräch zu kommen, nicht zuletzt, um zu diskutieren, was getan werden kann. Besonders produktiv war hier das Weltcafé unter der Überschrift „Wie schnell und gründlich man vergisst“, bei dem Wissenschaftlerinnen unterschiedlicher Disziplinen kurz aus ihren Bereichen berichteten, um Diskussionsanreize für die anschließenden Runden zu bieten.

So verdeutlichten die Journalistin Miriam Zeh und die Filmkritikerin Sophie Rieger an Beispielen, dass die Werke mancher einst preisgekrönter Autorin und Regisseurin bereits zu Lebzeiten im Begriff sind, in Vergessenheit zu geraten. Gebe es keine Handbücher zu ihnen, keine Retrospektiven, seien die Werke nicht digitalisiert worden, forsche niemand zu diesen Autorinnen, so sei es nicht mal möglich, anlässlich ihres Todes Expert*innen zu finden. „Vergessen ist stets wahrscheinlicher als Erinnern“, zitierte die Hannoveraner Musikwissenschaftlerin Gesa Finke Aleida Assmann. Wer aber vergessen wird, kann nicht so leicht wiederentdeckt werden, es ist, als hätte es ihn oder sie nie gegeben. So entsteht der Eindruck, Frauen hätten eben nichts Wichtiges geschrieben / komponiert / gemalt, der falscher nicht sein könnte. Julia Hitz vom feministischen Archiv FrauenMediaTurm berichtete, dass die Frauenrechtlerinnen der 1970er Jahre die Texte ihrer Vorgängerinnen zunächst gar nicht kannten und förmlich ausgraben mussten – eine Erfahrung, die dazu führte, dass in den Folgejahren zahlreiche Archive gegründet wurden.

Das Gespräch über diese Beispiele zeigte, was getan werden kann und muss, um Autorinnen und Künstlerinnen sichtbarer zu machen und vor dem Vergessen zu bewahren: Namen nennen. Über Werke und ihre Urheberinnen berichten. Bibliotheken Anschaffungsvorschläge machen. Frauen beauftragen und ihre Werke kaufen. Sich auf die Suche nach vergessenen Künstlerinnen machen. Autorinnen und ihre Werke wiederentdecken. Sie verlegen, übersetzen und aufführen. Autorinnen in Literaturhäuser und auf Podien einladen. Artikel über Frauen auf Wikipedia schreiben. Autorinnen in Anthologien aufnehmen. Werke archivieren.

Voraussetzung für all das ist, dass Künstlerinnen etwas schaffen, das ihrem eigenen Blick auf sich und die Welt entspricht, statt sich marktgängigen Klischees unterzuordnen. Solange Geschichten in egal welchem Medium die immer selben Geschlechterstereotype reproduzieren, Biopics von Frauen etwa stets als Liebesgeschichte gerahmt werden, wird sich auch an der Wahrnehmung nichts ändern.

Es gäbe noch viel zu berichten, zumal ich nur einen Teil der Veranstaltungen besuchen und wiederum nur einen Teil erwähnen konnte. Besonders schön und wichtig fand ich, dass es dabei auch um den persönlichen alltäglichen Umgang mit all den hier genannten Phänomenen ging. Die an der Universität Greifswald lehrende Skandinavistin Berit Glanz, die den Betrieb auch aus Sicht der Autorin kennt, sprach dankenswerterweise auch von den Emotionen, die die hier beschriebenen Ungerechtigkeiten und das mangelnde Bewusstsein für diese auslösen. Von der reflexhaften Nettigkeit, über die man sich später ärgert, vom Weglächeln, von Erschöpfung und Wut angesichts der Notwendigkeit, beim Erklären immer wieder bei Null anfangen zu müssen. Wie ich während des Festivals auf Twitter las:

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INSERT FEMALE ARTIST war von vorn bis hinten ein großartiges, in jeder Hinsicht gelungenes Festival, menschlich wie inhaltlich bereichernd und inspirierend. Was für ein Gewinn, wenn es ab jetzt regelmäßig stattfinden könnte…

Nicole Seifert

Christiane Frohmanns Text „Präraffaelitische Girls erklären heimlich-unheimliche Ikonografien“, aus dem der obige Auszug stammt, erscheint im November in dem Band Screenshots bei der Edition Text + Kritik.

 

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Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

4 Antworten auf „Autorinnen und das Vergessen – Alte Vorurteile und spannende Neuigkeiten

  1. Hallo,

    es ist traurig, dass die Gesellschaft immer noch nicht weiter ist. Obwohl – traurig ist das falsche Wort. Es ist unerhört und darf nicht unter den Teppich gekehrt werden, bis es sich ändert.

    Ich habe zwei amerikanische Freunde, die transgender sind. Beide sind Künstler. Er ist weiß, fing schon als Teenager mit Hormonen an und geht problemlos als cis-Mann durch, wenn auch als leicht androgyner. Tatsächlich kannte ich ihn schon seit etwa zehn Jahren (ich lernte ihn kenne, als er 13 Jahre alt war), als er meinte, er „müsse mir da was gestehen“. Er wird (meist) ernstgenommen, und wenn er kritisiert wird, dann ist es normal eine produktive Diskussion.

    Sie ist schwarz und alt genug, dass das Thema noch lange nicht im öffentlichen Diskurs angekommen war, als sie in einem Alter war, wo man heutzutage mit Hormonen anfangen würde. Ihre einzigen Möglichkeiten waren Abbinden und Schminken. Daher sieht man ihr an, dass sie trans ist, und ihr begegnet man mit Befremden oder sogar Feindseligkeit. Dass sie auch sehr explizite erotische Kunst produziert, in der transgender-Frauen im Mittelpunkt stehen, wird oft als ekelhaft oder pervers empfunden. Als Fetisch.

    Vielleicht das Schlimmste ist, dass sie es auch dann schwerer hätte als Künstler, die cis-Männer sind, wenn sie nicht trans wäre, sondern einfach eine schwarze Frau.

    Ein sehr interessanter Artikel, danke!

    LG,
    Mikka

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  2. Ich gestehe, mich trieb die Neugierde, wem und warum der Buchblogaward verliehen wurde. Ich bin sehr beeindruckt, und dieser Artikel spiegelt das wider, was ich von Blogs erhoffe und heimlich, ohne dass ich es zum Thema mache, irgendwo auch erwarte. Recherche, Fakten, Wissen, Umfänglich, reich an Informationen, subjektiven Meinungen, aber mit fundierten Zitaten, Quellen, Querverweisen und eine Vernetzung, die zum weiter surfen einlädt. Merci dafür. Schön und stichhaltig zu lesen, auch wenn das Thema an sich schon verschiedentlich betrachtet wurde, kommen hier in der Zusammenfassung nochmal die wichtigsten Aspekte an die Oberfläche. Verdienter Preis. Respekt. Gefällt mir sehr.

    Gefällt 1 Person

  3. Vielen Dank für den Artikel! Das Literaturfestival ist leider unbemerkt an mir vorbeigezogen, ich halte aber die Augen offen, sollte es noch einmal wiederkehren.
    Tatsächlich habe ich dem von dir eingangs erwähnten Denkfehler auch immer unterlegen: Frauen haben früher einfach nicht so viel geschrieben. Aber auch kein Wunder, denn was haben wir im Schulunterricht im Rahmen von Klassikern schon kennengelernt – Werke von Goethe, Brecht, Grass, Fontane… Mir fällt spontan kein EINZIGES Buch ein, was von einer Frau geschrieben wurde und welches im Unterricht behandelt wurde.

    Im Bloggerversum kursieren ja auch solche „100 Bücher/Klassiker, die man gelesen haben sollte“, da muss ich glatt nochmal schauen, wieviele Frauen dort vertreten sind. Eins hat dein Artikel aber auf jeden Fall bei mir ausgelöst: wenn ich die Wahl habe, werde ich nun bewusst öfter zu Geschichten aus weiblicher Feder greifen.

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