(Neu) zu entdeckende Autorinnen: Bücher für den Urlaub

Üblicherweise stelle ich hier Neuerscheinungen vor, aber auch in der Backlist (so heißt das im Buchhandel) gibt es viel Lesenswertes zu entdecken. In letzter Zeit habe ich viele tolle Romane großer bereits verstorbener Autorinnen gelesen, zum Beispiel von den Britinnen Barbara Pym und Muriel Spark, die gerade neu ins Deutsche übersetzt wurden. Von unvergesslichen Sommern handeln Françoise Sagans moderner Klassiker Bonjour Tristesse  und der erst wenige Jahre alte Roman Die Zufällige der in Deutschland noch viel zu unbekannten Schottin Ali Smith. Noch druckfrisch: Die von Michaela Karl verfasste, sehr unterhaltsame Biografie, die das glamouröse und dramatische Leben von Maeve Brennan erzählt, Autorin und Kolumnistin beim New Yorker, wo sie in den Vierzigerjahren auf Dorothy Parker folgte.

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Barbara Pym (1913-1980) wird völlig zurecht mit Jane Austen und Nancy Mitford verglichen und ist für mich eine echte Entdeckung. Ihr bekanntester Roman Vortreffliche Frauen, erstmals erschienen 1952 und gerade von Sabine Roth neu übersetzt, ist ein warmherziges und witziges Buch und so dermaßen britisch, dass es eine Wonne ist. Es geht um die Pastorentochter Mildred Lathbury, die in den späten 1940er Jahren in London lebt, für eine Hilfsorganisation arbeitet und die dreißig gerade überschritten hat, also auf dem besten Weg ist, eine alte Jungfer zu werden. Spannung kommt in ihr wenig aufregendes Leben, als in die Wohnung über ihr eine barsche Anthropologin und ihr äußerst attraktiver Ehemann ziehen. Plötzlich führt eine Bekanntschaft zur nächsten, Ehen gehen auseinander, man sucht bei ihr Rat, Möglichkeiten tun sich auf. Pym hat ein buntes, extrem liebenswürdiges Figurenensemble geschaffen und lässt bis zum Schluss offen, wer mit wem zusammenkommt. Es gibt noch zwölf weitere Romane der Britin, den nächsten habe ich mir schon gekauft.

Barbara Pym
Vortreffliche Frauen
Roman
Aus dem Englischen von Sabine Roth
Dumont Verlag
320 Seiten
20 Euro

 

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Eine Familie verbringt ihren Sommerurlaub wie jedes Jahr in ihrem Häuschen in Norfolk. Die Kinder pubertieren, die Ehe kriselt. Alles ist so anstrengend und normal wie immer, bis Amber auftaucht. Eve hält sie für eine Studentin ihres Mannes, dieser hält sie für eine Interviewerin seiner Frau. Um nachzufragen sind beide viel zu cool und viel zu sehr mit sich beschäftigt, und so kommt es, dass die Familie die Wildfremde bei sich aufnimmt. Sämtliche Figuren, die das Geschehen vollkommen unterschiedlich wahrnehmen, erzählen abwechselnd, und so erfährt man immer Neues über diese total neurotische, total durchschnittliche Familie und ihre Geheimnisse. Amber lügt sich ins Herz der Familie und macht dabei alle glücklich, weil alle auf sie projizieren, was sie am dringendsten brauchen. Ali Smith spielt Motive wie Verführung und Erkenntnis durch und macht das Unwahrscheinliche vollkommen nachvollziehbar. Realistisch und mitreißend erzählt und mit inhaltlichen Wendungen, die überraschen – ein kluges Vergnügen!

Ali Smith
Die Zufällige
Roman
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
btb Verlag
320 Seiten
9 Euro

 

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Maeve Brennan (1917-1993), deren Erzählungen hierzulande in den letzten Jahren wiederentdeckt wurden, muss eine ungewöhnliche Frau gewesen sein, so zierlich wie willensstark, der ihre Privatsphäre und ihre Autonomie heilig waren. Michaela Karl beschreibt sie als „Königin des Flüchtigen, dies zeigen ihre Wohnsitze, ihre Besitztümer, ja sogar ihre Männer. Einzig was ihre Freundschaften anbelangt, lässt sich eine gewisse Konstante feststellen, die eng verbunden ist mit ihrer Arbeit beim New Yorker.“ Die geborene Irin genoss ihr Single-Leben in Manhattan in vollen Zügen, gab viel zu viel Geld für Kleidung aus, verließ ihre Schreibmaschine für eine Cocktailparty, um danach wieder ins Büro zu gehen und ihre Eindrücke festzhalten – man könnte meinen, eine erfolgreiche amerikanische Fernsehserie aus den 90ern hätte sich von ihrem Leben inspirieren lassen. Umso krasser der Kontrast zu Brennans letzten Lebensjahren, in denen sie geistig verwirrt durch Manhattan geisterte – was in bisherigen Darstellungen gern als Folge eines unangepassten Lebens gedeutet wurde: Wahnsinn als Strafe für ein Leben, das sich herrschenden Konventionen nicht fügt. Für diese Interpretation findet Michaela Karl deutliche Worte: „Maeve Brennan hat nicht aus Verzweiflung und Heimatlosigkeit im Wahnsinn Zuflucht gesucht, sondern sie litt an einer psychischen Erkrankung, die in den letzten Jahren ihres Lebens ihre glühend verteidigte Autonomie zunichte machte. Ihr Ende einzubetten in eine Schuld-und-Sühne-Phantasie wird ihr nicht gerecht, ist aber ein durchaus gängiges Motiv im Umgang mit emanzipierten Frauen.“ Die kurzweilig geschriebene Biografie einer Autorin, die eine Wiederentdeckung wert ist!

Michaela Karl
„Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen“
Maeve Brennan, Eine Biografie
Hoffmann und Campe
352 Seiten
22 Euro

 

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Wie frisch Françoise Sagans Debütroman von 1954, damals weltweit ein Bestseller und inzwischen ein moderner Klassiker, heute noch wirkt, ist kaum zu glauben. Dass die Autorin selbst erst achtzehn war, als sie ihn innerhalb von sieben Wochen niederschrieb, reicht als Erklärung alleine nicht. Die siebzehnjährige Cécile verbringt mit ihrem Vater und dessen junger Freundin unbeschwerte Sommerferien an der Côte d’Azur, als Anne zu Besuch kommt, eine Freundin von Céciles vor langer Zeit verstorbener Mutter. Mit Annes Ankunft ist die Leichtigkeit dahin. Sie drängt Cécile, sich auf ihre Prüfungen vorzubereiten, und bald zeigt sich, dass sie ihren Vater heiraten will. Cécile ist schockiert und plant eine „kleine Komödie“, um das zu verhindern. Die allerdings endet böse und läutet nicht nur das Ende des Sommers ein, sondern auch das der Unbeschwertheit und der Adoleszenz: Bonjour, Tristesse.

Françoise Sagan
Bonjour Tristesse
Roman
Aus dem Französischen von Rainer Moritz
Ullstein Verlag
176 Seiten
18 Euro

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Muriel Spark, die im letzten Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, zählt zu den wichtigsten britischen Schriftsteller*innen des 20. Jahrhunderts und mit ihren 22 Romanen, zahlreichen Short Stories, Gedichten und Theaterstücken, für die sie viele Auszeichnungen erhielt, auch zu den erfolgreichsten. Ihr 1958 erschienener Roman Memento Mori schildert sehr amüsant das Leben der greisen Londoner Oberschicht. Die drei Protagonist*innen Godfrey, seine Frau Charmian und seine Schwester Lettie sind alle jenseits der siebzig, gut betucht, mehr oder weniger gut beieinander und umgeben von einem wunderbar schrulligen Bekanntenkreis. Als einige von ihnen wiederholt Telefonanrufe bekommen, bei denen eine Männerstimme sagt „Bedenke, dass du sterben musst“, um dann aufzulegen, rufen sie die Polizei und engagieren schließlich auch noch einen Privatdetektiv. Wer ist der Täter und was will er? Während die Figuren dieser Frage auf der Spur sind, erfährt man von ihren alten und neuen Sünden, von ihren Lebenslügen und Intrigen, von Testamentsänderungen und Erbschleicherei, Liebe und Rachegelüsten. Altersweise ist hier niemand. – Skurril, bissig, klug und sehr lustig!

Muriel Spark
Memento Mori
Roman
Neu übersetzt von Andrea Ott
Diogenes Verlag
304 Seiten
24 Euro

 

 

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Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

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