Kurz und knapp: Drei sehr unterschiedliche Liebesgeschichten

Silvia war jahrelang alleinerziehend, seit ein paar Monaten hat sie wieder einen Freund. An diesem Abend will sie zum ersten Mal zu Hause für ihn kochen und ihn ihrer dreizehnjährigen Tochter Maria vorstellen. Sie hat Sorge, dass die Tochter nicht mitessen will, am Essen rummeckert, irgendwie alles verdirbt. Denn Maria ist schwierig, hat unnachvollziehbare Launen, unter denen sie auch selbst leidet. So weit, so normal, denkt Silvia, die keine Kritik an ihrer Tochter hören will, noch nie wollte, schon gar nicht von Erzieherinnen und Lehrerinnen. Dass Maria verhaltensauffällig ist, will sie nicht wahrhaben. Hilflos zieht Silvia sich selbst auf kindliches Verhalten zurück, leugnet, bleibt passiv.

Dass Maria sich an diesem Abend verhält wie eine Erwachsene und freundlich mit Silvias Freund Antonio Konversation treibt, freut diese. Allerdings nicht lange, denn Maria ist von dem Wein, den sie nicht gewohnt ist, bald beschwipst und beginnt hemmungslos, mit Antonio zu flirten und ihn mit verführerischen Gesten zu betören. Während der Abend seinen Lauf nimmt, wird nach und nach in Rückblenden aufgedeckt, was in der Vergangenheit passiert, was mit Silvias Ehemann, dem Vater des Mädchens, geschehen ist.

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Dieses Buch ist nicht immer eine angenehme Lektüre, und das kann und will es bei dem Thema sicher auch nicht sein. Silvia ist vom Verhalten ihrer Tochter befremdet und abgestoßen, sie ist verletzt, weil Antonio doch ihr  neuer Freund ist. Als er die Tochter auch noch porträtiert, fühlt sie – selbst erst Anfang dreißig – sich unsichtbar. Gleichzeitig liebt sie Maria, in der sie immer noch ihr kleines Mädchen sieht und sehen will. Neben den offensichtlichen Themen dieses Romans geht es in ihm auch darum: Was man sehen will und was nicht, wie man sich dazu verhält oder eben nicht, und was für Folgen das für die anderen Familienmitglieder hat. Die Gefühlslage der Protagonistin ist hochkomplex und Silvia selbst nicht immer sympathisch. Dass man sie, fast wider Willen, dennoch nachvollziehen kann, ist eine Meisterleistung von Anna Giurickovic Dato.

Anna Giurickovic Dato
Das reife Mädchen
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Roman
Piper Verlag

224 Seiten
20 Euro

 

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Als Jetti von ihrer Schwägerin eine Mail bekommt, ihr Bruder sei verrückt geworden, lässt sie in ihrer Dubliner Agentur alles stehen und liegen und fliegt nach Wien. Dort angekommen ist alles noch schlimmer als befürchtet: Robert ist verschwunden, seine Frau Hanna hat ihn als vermisst gemeldet. Jetti bezieht eins der Kinderzimmer – und beginnt schnell sich zu wundern: Weder sucht Hanna nach ihrem Mann, noch sagt sie den erwachsenen Kindern Bescheid, und ihr nächtliches Weinen kommt Jetti auch nicht so richtig echt vor.

Die Frage, was mit Robert ist, bleibt etwa die erste Hälfte dieses umfangreichen neuen Romans von Michael Köhlmeier offen. Währenddessen lernen wir die großartigen Frauenfiguren Jetti und Hanna besser kennen, die eine ziemlich komplizierte Beziehung zueinander haben. Wie Köhlmeier Hannas oberflächliche, aber umso dünkelhaftere Intellektualität decouvriert, das ist ein großes Vergnügen. Gerade wenn man darüber lachen oder zustimmend nicken will, bringt Köhlmeier jedoch etwas, wodurch man sie doch wieder ernst nimmt, sodass man sich eben doch nie über Hanna erhebt. Das Lachhafte und das existenziell Menschliche sind hier dicht verwoben, und so ist es bei allen Figuren.

Dass jedem größeren Abschnitt ein Kunstmärchen aus Köhlmeiers eigener Feder vorangestellt ist, verstärkt dieses Existenzielle, Schicksalhafte noch und erhebt es ins Archaische. Wie im Märchen geht es in Bruder und Schwester Lenobel  um die Liebe zwischen Geschwistern, Paaren, Eltern und Kindern, um schicksalhafte Entscheidungen und um den Bund mit dem Teufel. Dass für die letzten rund 150 Seiten plötzlich sämtliche liebgewonnenen Figuren komplett in den Hintergrund treten und wir es stattdessen mit den Söhnen der Protagonisten zu tun bekommen, leuchtet mir noch nicht ganz ein, und ich fand es auch schade, aber da es Köhlmeier ist, denke ich darüber noch eine Runde nach, denn der steht seit seiner Novelle Idylle mit ertrinkendem Hund (dtv) bei mir sehr hoch im Kurs.

Michael Köhlmeier
Bruder und Schwester Lenobel
Roman
Hanser Verlag
544 Seiten
26 Euro

 

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Für dieses wunderbare Buch muss es ein kleines Feuerwerk aus Blumen sein, denn auf so einen Roman habe ich lange gewartet! Normal People ist für mich jetzt schon ein Lese-Highlight nicht nur dieses Jahres. Sally Rooney erzählt unglaublich gekonnt, sensibel und klug von Connell und Marianne, die in einer irischen Kleinstadt zusammen den Schulabschluss machen. Aber da enden ihre Gemeinsamkeiten auch schon. Connell ist bei allen beliebt, Marianne eine Einzelgängerin, und Connells Mutter putzt in Mariannes Elternhaus. Als er seine Mutter dort eines Nachmittags abholt, kommen Connell und Marianne ins Gespräch, und etwas geschieht zwischen den beiden.

Wir begleiten die zwei auf 260 Seiten über ein paar Jahre, die für beide eine éducation sentimentale  sind, eine Einführung in die Liebe. Wie zuvor gemachte Erfahrungen und erlittene Schmerzen die erste Liebesbeziehung prägen, wie Vorannahmen über sich und die Welt die Perspektive auf den Geliebten oder die Geliebte verzerren können, wie all das Beziehungen belastet und manchmal trotz aller Liebe scheitern lässt, das erzählt Sally Rooney so gut und weise und vermeintlich schlicht, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, es mit einem Klassiker zu tun zu haben. Die Irin Sally Rooney ist allerdings erst 27, Normal People ihr zweiter Roman. Eine Riesenentdeckung und ein neues Lieblingsbuch! (Bisher leider nur auf Englisch erhältlich.)

Sally Rooney
Normal People
A Novel
Faber & Faber
266 Seiten
ca. 14 Euro

Nicole Seifert

 

Published by

Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

2 Antworten auf „Kurz und knapp: Drei sehr unterschiedliche Liebesgeschichten

  1. Schön geschriebene Rezensionen – danke dafür! 🙂 „Das reife Mädchen“ klingt ein bisschen nach „Lolita 2.0“ NACH der Frauenbewegung 😉 Deiner Beschreibung nach taugt der Titel als Bezeichnung für Tochter UND Mutter – schönes Wortspiel, macht jedenfalls neugierig auf dieses Buch! Lg, Sunnybee

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