Autorinnen (wieder)entdecken

Auf dieser Seite geht es um Autorinnen aus dem zwanzigsten Jahrhundert, die nur noch zu runden Todes- oder Geburtstagen in den Medien auftauchen, in den Buchhandlungen mangels Novitäten kaum vertreten sind und auch sonst zu wenig vorkommen. Ich habe mir vorgenommen, neben den interessanten Neuerscheinungen, die ich auf nachtundtag.blog auch weiterhin besprechen werde, auch die mir noch unbekannten Hauptwerke der großen Autorinnen des letzten Jahrhunderts nach und nach zu lesen – und natürlich hier über sie und ihr Leben zu schreiben. Dabei gehe ich nicht systematisch vor und erhebe auch keinen enzyklopädischen Anspruch, vielmehr komme ich von einer Autorin auf die nächste und bevorzuge dabei die, die ich persönlich noch zu wenig kenne. Um die ganz Großen wie Sylvia Plath, Virginia Woolf oder Ingeborg Bachmann wird es hier also weniger gehen, nicht nur, weil ich schon viel mit ihnen zu tun hatte, sondern auch, weil es darüber hinaus so viel zu entdecken gibt. Alle Einträge sind work in progress, d.h. wenn ich ein weiteres Werk oder eine Biografie einer Autorin gelesen habe, wird die entsprechende Seite ergänzt und bearbeitet, und natürlich sollen immer mehr Autorinnen dazu kommen.

Muriel Spark

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Muriel Spark (1918 – 2006) zählt zu den wichtigsten britischen Schriftsteller*innen des 20. Jahrhunderts und mit ihren 22  Romanen, zahlreichen Short Stories, Gedichten und Theaterstücken, für die sie viele Auszeichnungen und Preise erhielt, auch zu den erfolgreichsten. In ihrem Elternhaus spielte Literatur keine große Rolle, es gab in ihrem Viertel in Edinburgh jedoch eine Bibliothek, aus der sie sich Klassiker der Weltliteratur auslieh. Schon zum Ende ihrer Schulzeit wusste sie, dass sie Schriftstellerin werden wollte. Um das zu finanzieren, arbeitete sie als Sekretärin und Lehrerin. 1937 folgte sie ihrem künftigen Mann Sydney Oswald Spark nach Rhodesien, dem heutigen Simbabwe, der dort in den Kolonialdienst ging. Erst, als sie bereits schwanger war, wurde ihr die schwierige Wesensart ihres Ehemannes bewusst, durch die er wiederholt Probleme bekam. Nach der Geburt des Sohnes Robin verschärften sich die Eheprobleme. 1944 kehrte Spark nach Großbritannien zurück, während ihr Sohn, bis sie das Sorgerecht für ihn erstritten hatte, in Rhodesien in einem Konvent blieb; sein Vater verbrachte einige Zeit in einer psychiatrischen Anstalt. Bereits in Rhodesien veröffentlichte sie erste Gedichte, nach dem Krieg begann sie auch in Europa als Schriftstellerin zu arbeiten und veröffentlichte Lyrik und Kritiken. Im Jahre 1947 wurde sie die Herausgeberin von Poetry Review. Ihr erster Roman The Comforters wurde 1957 veröffentlicht, es war jedoch der fünf Jahre später erschienene Roman The Prime of Miss Jean Brodie, der ihren Ruf begründete und den sie als ihr Hauptwerk ansah. Ihr nächster Roman Memento Mori (1958) – hier meine kurze Besprechung – war eine bissige Satire auf die skurrile Welt der greisen Londoner Oberschicht: statt geruhsamem Lebensabend eine Welt aus Niedertracht, Erpressung und Erbschleicherei. Nachdem Spark einige Jahre in New York gelebt hatte, zog sie in den späten 60er Jahren in die Toskana, wo sie mit ihrer ehemaligen Sekretärin, der Malerin und Bildhauerin Penelope Jardine, zusammenlebte. Ihre Schaffenskraft war weiterhin ungebrochen, den Erfolg der frühen Romane erreichte sie allerdings nicht mehr.

 

Elizabeth Taylor

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Elizabeth Taylor (1912-1975) war eine britische Schriftstellerin. Bevor 1945 ihr erster Roman, At Mrs Lippincote’s, erschien, arbeitete sie als Hauslehrerin und Bibliothekarin. 1936 heiratete sie John Michael Taylor und lebte mit ihm in Penn, Buckinghamshire. Es folgten elf weitere Romane, Kurzgeschichten sowie ein Kinderbuch. Ihr Roman Mrs Palfrey at the Claremont stand 1971 auf der Shortlist des Booker Prize. Davon abgesehen wurde Taylors Werk zu ihren Lebzeiten von Publikum und Literaturkritik weitgehend ignoriert, was Biografen und Journalisten gern auf die Namensgleichheit mit der Schauspielerin Liz Taylor zurückführen. 2005 wurde der für den Booker Prize nominierte Roman mit Joan Plowright in der Titelrolle verfilmt, 2007 verfilmte François Ozon ihren Roman Angel. Obwohl ihr Werk zu diesem Zeitpunkt in Großbritannien kaum noch gelesen wurde, schätzten ihre Schriftstellerkolleg*innen sie immer sehr. Kingsley Amis nannte sie „eine der besten englischen Romanautoren dieses Jahrhunderts“, Antonia Fraser bezeichnete sie als „eine der am meisten unterschätzten Autoren des 20. Jahrhunderts. Erst als Virago in London und die New York Review of Books anlässlich ihres 100. Geburtstages 2012 eine Neuausgabe ihrer Werke in Angriff nahmen, wurde sie von der englischen Literaturkritik und den Feuilletons richtig wahrgenommen. Im Doerlemann Verlag erscheinen ihre Werke seit 2011 in der Übersetzung von Bettina Abarbanell – bisher: Versteckspiel; Angel sowie Blick auf den Hafen, das ich hier vorstelle.

Barbara Pym

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Barbara Pym (1913-1980) wuchs mit ihrer jüngeren Schwester Hilda in einer wohlhabenden Rechtsanwaltsfamilie auf. Sie studierte in Oxford englische Sprache und Literatur und schrieb anschließend ihren ersten Roman. Die ersehnte schriftstellerische Karriere wurde allerdings durch den Zweiten Weltkrieg zunächst vereitelt. Nach Kriegsende findet sie eine Anstellung beim International African Institute in London, ab 1958 als Redakteurin der Zeitschrift Africa. An ihren Romanen arbeitete sie frühmorgens und an den Wochenenden. Ihr Erstling Some Tame Gazelle (1950) wird von der Kritik freundlich aufgenommen, noch mehr Lob bekommt Excellent Women (1952), kürzlich erschien bei Dumont unter dem Titel Vortreffliche Frauen eine Neuübersetzung (hier meine Kurzbesprechung). Es folgen vier weitere Romane, die eine treue Leserschaft haben. Doch in den 60er Jahren scheinen ihre unaufgeregten Themen und ihre milde Ironie nicht mehr zeitgemäß, sodass sich für An Unsuitable Attachment kein Verleger mehr findet. Es folgt eine lange, von Selbstzweifeln und Resignation geprägte Phase. 1971 wurde bei Pym Brustkrebs diagnostiziert und zunächst erfolgreich operiert.1977 endlich tritt die Wende ein. Das Times Literary Supplement veröffentlicht die Ergebnisse einer Umfrage unter Expert*innen: Sowohl Philip Larkin als auch Lord David Cecil nennen, unabhängig voneinander, Barbara Pym als die am meisten unterschätzte Schriftsteller*in des 20. Jahrhunderts. Sofort erhebt sich ein riesiger Medienrummel: Die in der Schublade liegenden Romane werden herausgebracht, die lange vergriffenen Romane der 50er Jahre neu aufgelegt. Quartett in Autumn wird für den Booker Prize nominiert. Die BBC widmet Pym mit dem Feature Tea with Miss Pym ein charmantes Porträt, das ihr Leben in ihrem Häuschen in Finstock nahe Oxford zeigt, wo sie seit ihrer Pensionierung mit ihrer Schwester und ihren Katzen lebt. Pym genießt die späte Anerkennung, aber viel Zeit bleibt ihr dafür nicht. 1980 stirbt sie an Krebs.

 

Ricarda Huch

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Ricarda Huch (1864-1947) musste ihre Heimat Braunschweig mit 22 Jahren verlassen, nachdem entdeckt worden war, dass sie die Geliebte ihres Schwagers Richard Huch war – ein Skandal, der allerdings zur Folge hatte, dass sie in Zürich Abitur machen und dort Geschichte, Philologie und Philosophie studieren konnte, was Frauen in Deutschland erst ab 1919 möglich sein sollte. Sie beendete ihr Studium mit der Promotion und arbeitete zunächst als Bibliothekarin und Lehrerin, bevor sie sich mit der Geschichtsschreibung nach und nach eine Domäne der Männer eroberte. Ihr literarisches Werk ist sehr umfangreich und von thematischer wie stilistischer Breite. Sie begann mit Gedichten und schrieb dann zunehmend Romane und historische Werke. Mit der historischen Prosa beeinflusste sie Golo Mann, der auf ihre Deutsche Geschichte eine Fortsetzung, Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, folgen ließ.

1907 heirateten Ricarda und Richard Huch doch noch, eine seit Jahrzehnten ersehnte Ehe, die jedoch wenige Jahre später scheiterte. Schon als heimliche Geliebte hatte sie empfunden, was nun unübersehbar wurde: „Ich fühle mich ganz als Katzengold und Kaninchenpelz. Ja sogar als Kette an Deinem Fuße.“

Als erste Frau wird Huch 1930 in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen, schon drei Jahre später erklärt sie ihren Austritt, nachdem jüdische und politisch unliebsame Mitglieder ausgeschlossen worden waren. Ricarda Huchs letztes Werk, ein Buch mit Porträts von Widerstandskämpfern, blieb unvollendet. Nach Kriegsende war es ihr ein Anliegen, den Frauen und Männern des Widerstands ein Denkmal zu setzen, und in den zwei Jahren, die ihr noch blieben, gelang es ihr, der Nachwelt die Weiße Rose und die Geschwister Scholl einzuprägen.

Hier meine Besprechung ihres Briefromans Der letzte Sommer.

Françoise Sagan

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Françoise Sagan (1935-2004) war gerade achtzehn Jahre alt, als sie mit ihrem Debütroman Bonjour Tristesse (hier meine Kurzbesprechung) einen Skandal auslöste und einen Sensationserfolg landete. Auch in ihrem zweiten Roman, Ein gewisses Lächeln, der sich noch heute unglaublich frisch liest, schildert sie unverstellt die Erfahrungen einer jungen Frau, von ennui bis erster Liebe – in den Fünfzigerjahren nach ihrem Erstling eine erneute Provokation. Heute erinnern diese frühen Romane von Sagan von Ton und Thema an die junge Irin Sally Rooney. Beiden Autorinnen gelingt es, mit Intellekt und Empathie das Lebensgefühl ihrer Generation einzufangen und mit knappem Strich die Lebens- und Gefühlswelten ihrer Figuren zu skizzieren, und beide feier(te)n damit ungewöhnlich große Erfolge.

Was mir beim Nachlesen auffiel: die Verächtlichkeit, die mir aus deutschen Artikeln über Françoise Sagan entgegenschlug. Weder Verena Auffermann in dem von ihr mit herausgegebenen Buch Leidenschaften, 99 Autorinnen der Weltliteratur, noch Kristina Maidt-Zinke in ihrem Nachruf (!) in der Süddeutschen Zeitung lassen viel Gutes an der Person oder ihrem Werk, statt auch nur zu erwähnen, was es ausmacht und zu würdigen gibt. Als bedeute Erfolg bei Autorinnen, dass ihr Werk literarisch nicht viel wert sein könne. (Zum Thema Frauenfeindlichkeit im deutschen Feuilleton habe ich mich hierja bereits geäußert, der Ton dieser beiden passt bedauerlich gut ins Bild – denn natürlich gibt es Misogynie auch bei Frauen, insbesondere bei arrivierten, Stichwort internalisierter Sexismus.)

Ich zitiere stattdessen den ausgewogeneren, sehr informativen Artikel von Christine LeFranc (fembio.org):

„Die Einsamkeit ist das Hauptthema in ihrem Werk, die Einsamkeit und die Anstrengung der Menschen, ihr zu entfliehen. Sie selber geht von einer Liebesbeziehung zur anderen, wobei sie mit der Zeit Frauen den Männern vorzieht. [… ] Hinter dem Bild einer frivolen und unmoralischen Françoise Sagan verschwindet gelegentlich ihre wahre Lebensmotivation – das Schreiben, das für sie ‚die einzige Rechtfertigung ihrer selbst, das einzige aktive Zeichen ihrer Existenz‘ darstellt. […] Ihr wurde vorgeworfen, dass sie ihr großes Talent nur für Themen wie Traurigkeit, Misserfolg, Niederlage verwendet habe und so schnell und oberflächlich schreibe, wie sie – nach Darstellung der Presse – zu leben schien. Andere aber lobten die Musikalität ihrer Sätze, die einfache, klare, natürliche Schreibweise. Sie selber gab zu, in manchen finanziellen Krisen Romane veröffentlicht zu haben, mit denen auch sie nicht ganz zufrieden war. Ihre autobiographischen Texte zeigen sie als eine ernsthafte Frau, empfindsam gegenüber der Tragik des Lebens, einer Tragik, die sie im Alter einholte.“