Ein schwieriges Alter

Tag für Tag, frisch erschienen bei Kein & Aber, ist das Debüt der 1980 geborenen Saskia Luka. Es beginnt damit, dass die Erzählerin Maria ihre alte Mutter aus dem kroatischen Bergdorf, in dem sie selbst aufgewachsen ist, zu sich nach Bayern holt. Ein Abschied für immer, wie allen bewusst ist. Auch Marias eigenes Leben hat sich schmerzhaft verändert, es ist noch nicht allzu lange her, dass ihr Mann Georg plötzlich und viel zu früh verstorben ist. Nun lebt sie also mit ihrer Mutter und ihrer 17-jährigen Tochter zusammen, mit einer Frau, die sich vom Leben abwendet und einer, die sich dem Leben zuwendet – sie selbst in jeder Hinsicht mittendrin.

Dass ihre Tochter die Schule abbrechen will, passt Maria nicht. Auch dass Anna so großes Interesse an der Herkunft von Mutter und Großmutter zeigt, sogar Kroatisch lernen möchte, will sie nicht verstehen, ist es doch die Sprache, die sie selbst mühsam aus ihrer Aussprache des Deutschen vertrieben hat, um nicht fremd zu sein, wo sie lebt. Anna ist in einem schwierigen Alter, die Anwesenheit ihrer Mutter Lucia macht alles noch komplizierter, und „sie selbst war plötzlich ebenfalls, so fühlte es sich an, in ein sehr schwieriges Alter gekommen.“

Mit ihrer Mutter ist Maria streng, etwa, wenn diese alles abspülen will, statt den Geschirrspüler zu benutzen. Aber man verzeiht es der Erzählerin, deren komplexe Empfindungen sehr nachvollziehbar dargestellt und von ihr reflektiert werden. Großmutter und Enkelin dagegen haben ein liebevolles, ungetrübtes Verhältnis zueinander –  ganz offensichtlich steht ihnen weniger im Weg als den zwei Mutter-Tochter- Paaren, von denen Maria jeweils ein Teil ist. Während Anna Mitgefühl mit ihrer Großmutter hat, ist Maria höchstens mit halbem Herzen bei Lucia, auch weil sie in Gedanken noch sehr bei Georg ist. Noch meint sie, ihn plötzlich zu sehen, versucht zu vergessen, was passiert ist, versucht sich einzureden, er sei nur fortgegangen.

Sie rauchte zu viel, Georg hatte recht gehabt. Seit er tot war, gab sie ihm in allem recht. Als er lebte, wollte sie recht haben. […] All ihre Gespräche war sie noch mal durchgegangen und alle hatten nun einen anderen Schluss, und sie wünschte, er wäre in der Nähe, jetzt, da sie so großzügig mit der Wahrheit war.

Anna lässt sich nicht bremsen, sie hält es nicht mehr zu Hause, so wie es Maria damals nicht in dem kroatischen Bergdorf hielt. Als die junge Frau fort ist, verstummt Lucia. Es ist offensichtlich: Die alte Frau will sich nicht mehr umgewöhnen, Anna hatte es von Anfang an gesagt: „Baba in München, das ist wie ein Astronaut im Zirkus.“ Als sie auch das Essen noch einstellt, wird Maria langsam alles zu viel. – So geht es los, mehr möchte ich nicht vorwegnehmen.

Was diesen Roman ausmacht, ist sein angenehm ruhiger, manchmal melancholischer Ton, die wunderschönen Landschaftsbeschreibungen und die gelungenen Dialoge, die unangestrengt und beiläufig daherkommen und trotzdem niemals unerheblich sind – eine Kunst für sich. Maria gelingt es schließlich, soviel verrate ich – schon damit der Roman nicht düsterer klingt, als er ist – nach vorn zu blicken, das Verschwundene nicht mehr immer mitzudenken. Und es ist nicht zuletzt ihre Mutter, von der sie lernt.

Lucia hatte ihr das Backen und Kochen beigebracht, die Tiere zu hüten und zu töten, Käse zu machen, Kräuter zu finden, einzumachen, zu lüften, zu trocknen, zu stricken, zu häkeln, zu pflanzen und zu ernten, zu nähen, zu stopfen […] und manchmal hatte sie sie auch im Arm gehalten. […] Am Ende hatte Lucia sie gelehrt, den Tod nicht länger zu fürchten.

Aber auch von ihrer Tochter lernt Maria. Dass es weitergeht und wie man sich neu orientieren und an dem Vielen freuen kann, was immer noch da ist. Es ist ein Roman, der das Thema Mutter und Tochter frei von Klischees erzählt, in dem es aber um mehr geht, zum Beispiel um den Abschied von Orten und Menschen und um die Bedeutung, die das Vergangene noch einmal gewinnen kann, wenn etwas im Leben wegbricht. Tag für Tag ist ein stilles, kluges Buch, das ich sehr gern gelesen habe, und Saskia Luka eine Autorin, die man auf dem Schirm behalten sollte.

Nicole Seifert

Saskia Luka
Tag für Tag
Roman
Kein & Aber
304 Seiten
20 Euro

 

 

 

 

Published by

Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

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