Menschen, die heroisch sind, interessieren mich nicht

Heute Abend bekommt die Autorin Katrin Seddig für ihr schriftstellerisches Werk von der Stadt Hamburg den Hubert-Fichte-Preis verliehen, der alle vier Jahre an eine*n in Hamburg lebende*n Schriftsteller*in vergeben wird. Ich durfte in diesem Jahr Mitglied der Jury sein und freue mich ganz besonders über diese Gewinnerin, die ich im Vorfeld der Preisverleihung getroffen habe. Wir haben über ihre Lieblingsautor*innen gesprochen, über den G20-Gipfel in Hamburg, der den Hintergrund für ihren jüngsten Roman Sicherheitszone bildet, und darüber, dass unpolitisch sein auch eine politische Haltung ist.

Ich würde gern über literarische Vorbilder sprechen. Du hast an anderer Stelle gesagt, du hast sehr viel Balzac gelesen. Bei Balzac habe ich leider eine Lücke. Was gefällt dir an seinen Büchern so gut?

Ich habe in meiner Jugend ganz viel Balzac gelesen, ich glaube, weil der bei uns in der Dorfbücherei stand. Das hat mir sehr gefallen. Er ist eben ein Geschichtenerzähler und er hat viel Humor und kennt die Menschen so gut. Die Bösen gewinnen oft und man mag sie trotzdem, oft sind die Figuren sehr vielschichtig. Das kann der einfach. Wenn man böse wär, könnte man sagen, bei Balzac ist auch sehr viel Unterhaltung dabei, aber auf einem Niveau! Es ist ja ein gigantisches Werk, das er geschaffen hat, man kann das gar nicht alles lesen. Zumal die Bücher an sich schon sehr üppig sind, die haben ja zum Teil 800 Seiten. Oft tauchen die Figuren in anderen Romanen wieder auf, ich weiß nicht, ob sich mal jemand die Mühe gemacht hat, das aufzuschlüsseln. Er hat versucht, die Menschen seiner Zeit als solche darzustellen, und nebenbei erfährt man auch ganz viel über die Justiz, den Journalismus, Architektur, Kunst, das ist so das Milieu, in dem das spielt. Und Adlige, denn die Künstler mussten ja irgendwie bezahlt werden. Über dieses System erfährt man viel. Aber vor allem weiß er so viel über Menschen. Man kann überhaupt niemanden verurteilen, weil man immer noch tiefer in diese Lebensgeschichten eindringt und mit den Figuren mitleidet. Balzac würde ich jedem zum Lesen empfehlen, auch weil seine Bücher einfach spannend sind. 

Hast du einen Lieblingsroman von ihm?

Man kann ganz gut anfangen mit Eugénie Grandet, das ist kein besonders dicker Roman und vielleicht ein guter Einstieg. Es ist die Geschichte einer Frau, die unter dem Geiz ihres Vaters zu leiden hat und – ach, ich will jetzt gar nicht so viel erzählen. 

Als weitere Vorbilder nennst du Anne Tyler und John Updike. Die beiden haben gemeinsam, dass ihre Romane oft im wesentlichen zu Hause spielen, dass es in erster Linie um Beziehungen geht, um Alltag. 

Ja, Updike ist dabei natürlich ein zutiefst männlicher Autor, der beschreibt, wie verloren der Mann in dieser Welt ist, also Männer, wie er selbst wahrscheinlich einer war, Männer der Mittelschicht, die in amerikanischen Kleinstädten leben und sich in dieses geordnete Leben einpassen, aber eigentlich verloren sind. Das ist im Grunde die Geschichte, die er immer wieder erzählt, am besten vielleicht in den Rabbit-Romanen. Wie genau der erzählt, das finde ich unübertroffen. Mich wundert, dass der nie einen richtig großen Preis gewonnen hat, denn er erzählt so menschlich und so freundlich und so verzeihend. Gerade Rabbit, der fehlt so, gegen seine Frau, gegen alle, die ihm lieb sind, gegen die Prostituierten, mit denen er zu tun hat, und trotzdem verzeiht man ihm, da wird nicht verurteilend erzählt. Und Updike ist dermaßen genau, wie er allein erzählt, wie jemand die Straße langgeht! Denn oft passiert da ja gar nichts. Handlung interessiert mich eigentlich auch gar nicht so sehr.

Was interessiert dich mehr als Handlung?

Die Figuren und die Bilder und die Stimmung, Dialoge. Wenn man plötzlich so in der Situation ist und davon berauscht oder getroffen ist.

Gefällt dir das auch an Anne Tyler so gut?

Anne Tyler… die erzählt nicht so fein, die hat nicht so eine ausgefeilte Sprache wie Updike, aber ihre Geschichten sind auch Familiengeschichten und spielen in einem ähnlichen Milieu. Das erste, was ich von ihr gelesen hab, war Atemübungen, ein Roman, in dem ein Ehepaar eigentlich fast die ganze Zeit im Auto fährt. Und das ganze Drama einer Ehe, aber auch die Liebe zwischen ihnen, das wird alles auf dieser Fahrt erzählt. Das ist so echt und so glaubhaft, mit allen Schwierigkeiten. Man sieht, wie eine Beziehung liebevoll sein kann, wie aber auch eine Entfernung zwischen Eheleuten sein kann, wo sie sich fremd sind. Die ganze Entwicklung dieser Ehe über dreißig Jahre spiegelt sich in dieser einen Autofahrt, auf der diese Bewegungen im Kleinen erzählt werden. Dieses Zwischenmenschliche kann man so gut nur beschreiben, wenn man eine so gute Beobachterin ist wie sie. Und sie ist auch Humanistin, sie hat auch diese Menschenliebe, das schimmert in jeder Figur durch. Es geht bei ihr um die familiären Beziehungen und um die Möglichkeiten, miteinander zu sein. 

Es sind ja oft Frauen, die versuchen, ihren Weg zu finden, aber nicht auf so eine primitive Weise, dass sie sich dann befreien und dann sind sie sie selbst, sondern sie finden ihren Weg in diesem ständigen Scheitern. Trotzdem. Das finde ich an Anne Tyler gut. So ist das im Leben. Es ist eben nicht so, dass man plötzlich Gewinner ist, das gibt es nicht, das halte ich in allen Büchern, in denen das so ist, für eine Lüge. Ich habe das Gefühl, dass Männer es einfacher haben, Geschichten vom großen Scheitern zu erzählen, auch vom komischen Scheitern. Gerade im satirischen Bereich wird Männern zugestanden, gefallene Helden zu sein und sie können trotzdem noch lachen. Wenn Frauen scheitern, sind sie immer nur bemitleidenswert oder armselig oder man will gar nicht hingucken. Es ist schwierig, als Frau in der Literatur, in der Kunst unterhaltsam zu scheitern. Diese Rolle des Trottels, der trotzdem liebenswert ist, haben Männer total besetzt, diese Rolle ist für Frauen sehr schwer darzustellen und nachzuvollziehen. Die Frau soll immer entweder ihren Weg gehen oder sie soll ein Opfer sein, dazwischen gibt es nichts. Aber bei Anne Tyler ist es eben so, dass die Frauen fehlerhaft sein dürfen und scheitern können, und das ist tragisch und komisch zugleich. Das ist, denke ich, das, was sie auszeichnet. 

Diese Gleichzeitigkeit von Komik und Tragik fällt auch in deinen eigenen Romanen auf.

Gerade wenn Menschen tragische Figuren sind, kippt das im realen Leben ja oft ins Komische. Und andersrum. Es ist peinlich und unangenehm und man mag manchmal nicht hingucken – aber so ist es. So nehme ich die Welt wahr. Alles andere käme mir vor wie eine Lüge oder wie eine Verschönerung der Realität. 

Hast du unter deinen eigenen fünf Romanen einen Liebling?

Ich bin immer am überzeugtesten von dem Buch, das ich gerade schreibe. Von dem, was hinter mir liegt, denke ich immer: Das war noch nicht so gut, das nächste wird viel besser. Aber Das Dorf mochte ich wirklich sehr gern. Die Natur, wie sich das anfühlt, auf dem Dorf zu leben, das war mir sehr nah, so bin ich aufgewachsen. Am meisten gearbeitet habe ich an Sicherheitszone, insofern steckt da vielleicht am meisten Herzblut drin. 

Das Dorf ist auch mein Lieblingsroman von dir. Diese Hitze, Leere, Langeweile, auch die Figuren – das kann ich immer noch sofort heraufbeschwören. Vollkommen anders ist die Atmosphäre in deinem zuletzt veröffentlichten Roman Sicherheitszone. Wann war dir denn klar, dass der G20-Gipfel den Hintergrund für die Geschichte bilden würde? War das die Grundidee oder kam das später dazu?

Das war mir schon ein paar Monate nach dem Gipfel klar. Ich war in diesen Tagen eigentlich jeden Tag draußen und das hat mich alles sehr aufgeregt. Ich hab auch sehr viel gelesen und alle möglichen Zeitungsartikel gesammelt und mich gefragt: Wie kann man das erzählen? Ich hab das richtig entworfen, die Figuren und ihr Verhältnis zueinander, einzelne Szenen – ganz anders als sonst. Ich habe viel strukturierter gearbeitet und sehr viel recherchiert, das meiste davon ist nachher gar nicht in den Roman eingeflossen. Aber ich wollte immer wissen: Ist das wirklich so gewesen? Was wirklich schwer war, weil es zu ein und derselben Geschichte ganz unterschiedliche Artikel und Erzählungen gibt. 

Ich frage mich bis jetzt, ob ich in dem Bemühen, allen gerecht zu werden, nicht das Ganze abgeschwächt habe. Warum habe ich nicht klarer Stellung bezogen und die Geschichte mehr von einer Seite aus erzählt? Führt dieses Bemühen um Gerechtigkeit am Ende nicht zu einer Schwammigkeit? Ich frage mich, ob es nicht doch besser ist, einzelne Geschichten zu erzählen, statt zu versuchen, das als gesellschaftliche Gesamtgeschichte aus verschiedenen Positionen zu erzählen, die dann insgesamt aber schwach bleiben. Ich weiß es nicht. Ich bin im Nachhinein nicht ganz im Reinen mit der Geschichte. 

Ich fand an Sicherheitszone gerade so gelungen, dass es – obwohl verschiedene Positionen erzählt werden – kein Thesenroman geworden ist. Das muss man ja auch erstmal schaffen.

Das freut mich.

Auffällig in fast all deinen Romanen ist, dass man zu Beginn – jedenfalls geht es mir so – von der Trostlosigkeit der Figuren und ihres Lebens fast abgestoßen ist, dass man sie dann aber nach und nach fast unmerklich lieben lernt, sogar die unsympathischsten. Die vielleicht sogar besonders.

Ich mag meine Figuren auch immer.

Ja, das vermittelt sich, daher kommt das sicher.

Man muss gnadenlos mit sich sein. Diese ganzen Fehler und all die unangenehmen, peinlichen Situationen, in die sich die Figuren bringen, was sie tun, wie sie mit ihrem Leiden umgehen – so sind wir halt. Wir sind eben leider nicht heroisch. Menschen, die heroisch sind, interessieren mich nicht.

Aus der Trostlosigkeit ergibt sich in deinen Büchern immer etwas. Obwohl jemand stirbt, obwohl nicht wie durch Zauberei alles besser wird, obwohl eigentlich gar nichts wirklich besser wird, vermittelt sich Hoffnung und Trost, geht es weiter.

Es ist ja auch immer eine Liebe dabei. Bei allen Konflikten liebt jemand jemanden. Auch wenn sich das ohne Pathos ausdrückt, nur durch bestimmte Gesten, und auch durch Humor.

Deine Romane sind mit der Zeit politischer geworden. Aus Sicherheitszone spricht auch, wie wichtig es ist, Haltung zu zeigen, Position zu beziehen, für etwas zu stehen. Bist du politischer geworden, radikaler? Moralischer?

Ja, in den letzten zehn Jahren auf jeden Fall. Man kann nicht mehr unpolitisch sein. G20 war hier in Hamburg noch mal ein wirklicher Wendepunkt, aber auch davor habe ich schon gedacht, man kann sich nicht mehr raushalten. Dieses Raushalten ist auch eine politische Haltung und man macht sich damit schuldig. Nur wieman sich politisch engagiert, das finde ich weiterhin schwierig. Aber das entbindet einen nicht vom politischen Handeln. Das ist einfach vorbei, man kann sich nicht mehr raushalten, es ist unmoralisch. Als Autorin … es ist schon so, dass die Familie, das Private immer noch der Ort sind, wo meine Geschichten spielen, aber das Politische spielt eine stärkere Rolle. 

Mir ist aufgefallen, dass deine Romane in den Feuilletons fast ausschließlich von Frauen besprochen wurden, die eine Ausnahme ist Thomas André vom Hamburger Abendblatt. Wirkt da auch dieses Vorurteil, was Frauen schreiben, sei auch nur für Frauen gedacht? Oder wie erklärst du dir das?

Ja, ich glaube, dass das wirklich so ist, gerade wenn es Familiengeschichten sind oder Frauen im Mittelpunkt stehen. Das interessiert die meisten Männer nicht. Frauen sind halt nicht so ernst zu nehmen. Das ärgert mich immer. Ich verstehe nicht, warum Frauen sich für Probleme von Männern interessieren sollen, Männer sich aber nicht für die Probleme von Frauen interessieren. Dabei geht es ja in meinen Romanen gar nicht nur um Frauen, es geht ja auch um die Gesellschaft und um Kinder, um Alte und Junge. 

Diese Unwucht gibt es auch immer noch in den Produktionsbedingungen. Frauen schreiben sehr oft unter anderen, schwierigeren Umständen als Männer. Zum Beispiel, weil sie den Großteil der Sorgearbeit leisten, weniger Ruhe haben und auch nicht einfach Stipendien annehmen können, für die man lange an einem anderen Ort sein muss, und so funktionieren ja die meisten Stipendien.

Ja, ich konnte jetzt zum ersten Mal ein Stipendium annehmen, weil die Kinder aus dem Haus sind. Das war das Hermann-Hesse-Stipendium in Calw, drei Monate, das war ein sehr schönes Stipendium, wenn auch wegen Corona zu einer blöden Zeit. Aber es war auch einfach finanziell gut. Gerade deswegen. 

Woran arbeitest du im Moment? Magst du schon was über ein nächstes Buch sagen?

Ich habe gerade einen kleinen Roman abgegeben, der von einer Frau Anfang fünfzig handelt, die ein sehr spezieller Mensch ist. Die schon als Kind schwierig war und sehr groß, sehr schwer, sehr laut und nicht so leicht in die Gesellschaft passt. 

Darauf bin ich sehr gespannt! Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch fand am 5. August 2021 in Hamburg statt. 
Foto der Autorin: (c) Thea Seddig

Romane von Katrin Seddig

Veröffentlicht von

Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

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