Kurz und Knapp: Bücherfrühling 2021

In den letzten Monaten war auf dem Blog leider nicht viel los, weil ich an meinem eigenen Sachbuch gearbeitet habe, FRAUEN LITERATUR, das im September bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen wird – dazu bald mehr. Da dieser Bücherfrühling aber einer der spannendsten seit langem ist, wird es höchste Zeit, ein paar literarische Neuerscheinungen vorzustellen. Diesmal dabei: fünf deutsche Autorinnen, die sich Themen widmen, von denen bisher viel zu wenig geschrieben und gesprochen wurde, eine Übersetzung aus dem Koreanischen, für die dasselbe gilt, und eine sehr lesenswerte, frisch ins Deutsche übersetzte englische Wiederentdeckung. 

Die elf Kurzgeschichten von Sarah Raich, gerade bei Mikrotext unter dem Titel Dieses makellose Blau erschienen, sind ihr literarisches Debut, und sie haben es in sich, sind abgründig, manchmal hart und sehr modern. Es geht um Frauen, die gern woanders wären, um Männer, die die Welt nicht mehr verstehen, um Mütter und Töchter, um Einsamkeit und Überforderung, um Liebe und die Unmöglichkeit der Nähe (um einen Titel von Margaret Atwood zu zitieren). Jede Erzählung ist ein Blick in einen Abgrund, nach dem man sich kurz erholen und nachdenken muss, vielleicht zurückblättern, vielleicht nochmal lesen, um dann sofort die nächste lesen zu wollen. Sehr starke Texte, die für mich sowohl in eine amerikanische, als auch in eine österreichische Erzähltradition gehören – eine aufregende Mischung. Ich bin sehr gespannt auf alles weitere von dieser Autorin. 

Sarah Raich ‒ Dieses makellose Blau | Mikrotext, 120 Seiten, 14 Euro (Taschenbuch)

Einer der Romane, die ich in diesem Jahr am ungeduldigsten erwartet habe, ist Schwester von Mareike Krügel. Ihr letzter Roman, Sieh mich an, hat mich beeindruckt, weil er so leicht und unterhaltsam daherkommt, dabei aber eine große Wahrhaftigkeit hat und ausgeleierte Erzählmuster zeitgemäß gegen den Strich bürstet. Genau das leistet ihr neuer Roman auch wieder, der die Geschichte zweier Schwestern erzählt. Oder vielmehr: der erzählt, wie die eine, Iulia, viel Neues über das Leben der anderen, Lone, erfährt, als diese nach einem Autounfall im künstlichen Koma liegt, und wie Iulia darüber ihr eigenes Leben neu zu sehen beginnt. Dabei wagt sich Mareike Krügel an ein Thema, das so privat wie politisch ist, denn Lone hat als Hebamme gearbeitet, als Hebamme, die bei Frauen, die aus Gründen nicht mehr in ein Krankenhaus wollen, Hausgeburten durchführt – mehr oder weniger heimlich, weil die Versicherung nicht zu bezahlen wäre. Nach und nach lernen wir mit Iulia die Frauen kennen, um die sich Lone gerade noch gekümmert hat: Frauen, die schwanger sind oder gerade geboren oder ein Kind verloren haben (definitiv kein Buch für Schwangere!). Ihre Geschichten rühren an und tun weh, denn alle erzählen auch von einem System, das schwangeren Frauen das Selbstvertrauen in ihren Körper nimmt und sie verunsichert. Es sind Geschichten, die nahegehen und wütend machen, zumal wir alle solche Geschichten kennen und klar ist: Nichts davon ist extrem oder an den Haaren herbeigezogen. Mareike Krügel erzählt mitfühlend und schonungslos von einem Thema, von dem viel zu wenig erzählt wird – auf diese Weise habe ich überhaupt noch nicht davon gelesen, allein das ein großes Verdienst dieses Romans. Der darüber hinaus noch fein gezeichnete, komplexe Hauptfiguren zu bieten hat und klug kombinierte Motive, über die noch viel mehr erzählt wird, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Mareike Krügel gehört für mich in die Nähe von Anne Tyler und Tessa Hadley, so genau schaut sie auf Frauenleben, die nur auf den ersten Blick gewöhnlich sind.

Mareike Krügel – Schwester | Piper, 336 Seiten, 22 Euro (Hardcover)

Ein Highlight dieses Frühjahrs ist der Roman Identitti von Mithu Sanyal. Er erzählt von der glamourösen Saraswati, Professorin für Postcolonial Studies in Düsseldorf, die nicht nur an der Uni ein Star ist, sondern auch regelmäßig in den Sonntagabend-Talkshows zum Thema Identität sitzt. Als herauskommt, dass Saraswati sich immer nur als Inderin ausgegeben hat, in Wirklichkeit aber weiß ist, ist der Skandal perfekt, laufen die Medien Amok, vor allem die sozialen. Erzählt wird das Ganze von Saraswatis Lieblingsstudentin, die in ihrer Professorin eine Art Mutterersatz sieht, sie liebt und verehrt, aber auch viel gegen sie einzuwenden hat, jetzt erst recht. Wie Mithu Sanyal diesen Fall von Blackfacing erzählt, wie sie aktuelle Identitätsdebatten auf den Punkt bringt und persifliert, das ist ein großer, intelligenter, raffinierter Spaß.

Mithu Sanyal – Identitti | Hanser, 432 Seiten, 22 Euro (Hardcover)

Kim Jiyoung ist 33 Jahre alt, sie ist verheiratet und hat eine kleine Tochter, mit der sie seit einiger Zeit zu Hause bleibt, und sie fällt neuerdings durch sonderbares Verhalten auf. Sie redet mit ihrem Mann, als wäre sie ihre eigene Mutter, und genau das scheint sie tatsächlich zu glauben. Ein paar Tage später spricht aus ihr eine vor drei Jahren im Wochenbett verstorbene Freundin. Nicht selten spricht sie während dieser Zustände unangenehme Wahrheiten aus, um sich dann später an nichts erinnern zu können. Das Buch, das in Korea 2016 erschienen ist, sich über eine Million mal verkaufte und eine Welle des Feminismus auslöste, beginnt vielversprechend und geht dann ein bisschen anders weiter als erwartet. Denn dann geht es – ohne zu viel zu verraten – zurück in die Vergangenheit, in Jiyoungs Kindheit und von dort aus vorwärts bis zu dem Punkt, an dem das Buch begann. Es ist ein Roman, der sich liest wie ein Sachbericht, und das aus Gründen, wie sich ganz am Ende zeigt. Es wird ein ganz normales Frauenleben nachgezeichnet mit den ganz normalen Benachteiligungen, die derart auf den Punkt gebracht dann doch noch mal erstaunen. Einiges davon ist spezifisch koreanisch, aber die Gemeinsamkeiten mit unserer westlichen, ach so aufgeklärten und angeblich so gleichberechtigten Gesellschaft sind frappierend. Wer sich fragt, was eigentlich heute noch mit dieser patriarchalen Unterdrückung gemeint sein soll oder mit dem Begriff systemische Misogynie, der wird es hier verstehen. 

Cho Nam-Joo – Kim Jiyoung, geboren 1982 | Aus dem Koreanischen von Ki Hyang-Lee | Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten, 18 Euro (Hardcover)

Szenen aus dem Leben eines Mädchens, dann jungen Frau im Hier und Jetzt. Das Vorspiel bei einer Schauspielschule. Vorschläge zur Verhütung und ihre Nebenwirkungen. Experimente, mit Alkohol, mit dem, was der Körper gerade noch erträgt. Sich rasieren, toupieren, schminken, falsche Wimpern, um als Hostess bei einer Preisverleihung zu arbeiten, in so knappem Kleid, so hohen Schuhen, dass die Treppe hoch zum Moderator kaum zu bewältigen ist. Die Scham, in diesem Aufzug möglicherweise erkannt zu werden. Als schmückendes Beiwerk herhalten müssen, auch auf der Theaterbühne. Wutanfälle, die nichts ändern, Rückzug, das Fehlen jeder Selbstfürsorge, Absturz. Esther Becker beschreibt die Sozialisation junger Frauen kühl und sachlich und legt dabei im Grunde Ungeheuerliches bloß – das schmerzt und dennoch manchmal komisch ist. Ein Buch, das seine Wirkung langsam entfaltet und dann länger nachhallt und das für mich thematisch in ein Regal gehört mit Mely Kiyak, Isabelle Lehn und Deniz Ohde. 

Esther Becker – Wie die Gorillas | Verbrecher Verlag, 160 Seiten, 19 Euro (Hardcover)

Ganz besonders dringend empfehle ich einen großartigen Band mit Essays, Betrachtungen einer Barbarin von Asal Dardan. Essaybände wie diesen gibt es bisher in Deutschland kaum, und Asal Dardan macht deutlich, was für ein Verlust das ist. Ich habe den Bleistift kaum aus der Hand gelegt, weil sie so viel Kluges schreibt über „Wir“ und „die Anderen“, über Verletzungen und Verunsicherungen, Akzeptanz und Auseinandersetzung, weil sie so interessante Bezüge herstellt und einen so erhellenden Blick hat. “Asal Dardan traut sich, von den Zwischenorten zu erzählen, von der immerwährenden Suche nach Verortung, und sie stellt damit die dringenden Fragen an unsere Gesellschaft”, schrieb Lena Gorelik, und besser lässt es sich kaum auf den Punkt bringen. Ein Buch, das ich bestimmt noch oft zur Hand nehmen werde. 

Asal Dardan – Betrachtungen einer Barbarin, Essays | Hoffmann & Campe, 192 Seiten, 22 Euro

Und zum Schluss noch eine Wiederentdeckung. Der Roman Mrs Palfrey im Claremont, in der Übersetzung von Bettina Abarbanell im Dörlemann Verlag erschienen, kam im Original in den 70er Jahren heraus. Die leider viel zu unbekannte Elizabeth Taylor ist Autorin von elf großartigen, ganz unterschiedlichen Romanen. In diesem geht es um die gerade verwitwete Mrs. Palfrey, deren Mittel gerade reichen, um in ein Londoner Hotel zu ziehen, das schon bessere Tage gesehen hat. Genau wie seine Bewohner*innen, die hier dem Altersheim und der Einsamkeit zu entgehen versuchen, die von Klatsch und Erinnerungen und schlechtem Essen leben, sich dabei aber durchaus amüsieren. Der britische Humor und die Mittel der Verwechslungskomödie unterhalten bestens, aber auch hier geht es nicht ohne Blick in den Abgrund, denn Langeweile und das Wissen um den unaufhaltsam näher rückenden Tod lauern hinter jeder Ecke. 

Elizabeth Taylor ‒ Mrs Palfrey im Claremont | Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell | Dörlemann, 256 Seiten, 25 Euro (Hardcover)

Nicole Seifert

Veröffentlicht von

Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

2 Kommentare zu „Kurz und Knapp: Bücherfrühling 2021

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