Newsletter: Lieblingsromane 2023 und ein Blick ins nächste Jahr

Hoffentlich noch rechtzeitig zum Wünschen und Verschenken kommen hier meine Lieblingsromane des vergangenen Jahres. Beginnen tue ich aber mit einem Sachbuch, das mir in diesem Jahr besonders nachgegangen ist und das viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als es bekommen hat: „Lebewohl, Martha“, Die Geschichte der jüdischen Bewohner meines Hauses von Ingke Brodersen, erschienen im Kanon Verlag. Die Historikerin ist der Geschichte des Hauses nachgegangen, in dem sie lebt, einem Jahrhundertwendebau mit acht Parteien im Bayrischen Viertel Berlins. Sie erzählt von den vierundzwanzig jüdischen Bewohner*innen, die 1942 deportiert wurden, rekonstruiert ihr Leben und die Spuren, die nach der „eifrig schreddernden deutschen Nachkriegsgesellschaft“ von ihnen geblieben sind. Dabei gelingt ihr das Kunststück, sowohl mit respektvoller Distanz, als auch nah und persönlich zu berichten, was sie vorgefunden hat, was mit Sicherheit feststeht und worum es wahrscheinlich ergänzt werden muss. Ein beeindruckendes Buch, das durch den aufflammenden Antisemitismus in diesem Jahr eine traurige Aktualität bekommen hat. Umso dringender meine Empfehlung.

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„Diese Mischung aus Dämonie und Idylle“ 

In Nebenan ergründet Kristine Bilkau das menschliche Zusammenleben. Ein kluger, feiner Roman zum (Wieder)Erkennen und zum Schaudern.

Zwei Frauen in unterschiedlichen Lebensphasen, die wenige Kilometer voneinander entfernt leben, sich zunächst nicht kennen und nicht allzu viel gemeinsam zu haben scheinen. Astrid ist Ärztin, ihre Kinder sind längst aus dem Haus, ihr Mann bereits in Rente, in absehbarer Zeit wird sie ihre Praxis abgeben, vieles geht zu Ende. Julia ist vierzig und gerade mit ihrem Mann aus Hamburg aufs Land gezogen, ein Neuanfang. Das Paar möchte ein Kind bekommen, mittlerweile mit medizinischer Hilfe. Weil sie auf ihre CO2-Bilanz achten, versuchen sie in dem winzigen Dorf, in dem sie ein Haus gekauft haben, ohne Auto auszukommen. Wer aus dieser Zusammenfassung schließt, in Nebenan werde satirisch zugespitzt, zeit- oder milieutypische Verhaltensweisen würden zum Zweck des Amüsements bloßgelegt, ist auf der falschen Spur. Kristine Bilkau macht genau das Gegenteil. Ihr – unendlich viel schwierigeres – Anliegen ist es, zu ergründen und nachvollziehbar zu machen, was ihre Figuren im Innersten umtreibt, und das gelingt ihr aufs Wunderbarste. Nebenan ist ein Geflecht aus Geschichten und Motiven, das es in sich hat, ein Roman von hoher Dichte, der nach einem stillen Anfang eine zunehmende Wucht entfaltet.

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Mein Zorn ist längst verraucht

Am 11. April jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag von Marlen Haushofer

Lieber Herr Weigel!

Ich antworte gleich auf Ihren Brief, damit Sie sich auch nicht die geringsten Sorgen meinetwegen machen müssen. Ich bin sehr froh, daß Sie so aufrichtig zu mir sind. Daß ich ein recht schwerer Fall bin, weiß ich ja selber auch. Es stimmt nicht, daß ich nicht idyllisch sein will. Ich möchte sehr gern, aber das wäre gelogen. Gerade diese Mischung von Dämonie u. Idylle, auf die ich unentwegt stoße, bereitet mir das größte Unbehagen u. fasziniert mich zugleich. Vielleicht wäre es meine Aufgabe gerade das glaubwürdig zu gestalten. Wahrscheinlich fehlt mir dazu die dichterische Kraft. Oder ich müßte einmal ein paar Monate allein sein u. Ruhe haben. „Mein Zorn ist längst verraucht“ weiterlesen