Ein Bild aus blinden Flecken

Warum stellen Banken und Kreditkartenunternehmen so oft die Frage nach dem Geburtsnamen der Mutter? Weil ihn kaum noch jemand kennt, weil er nicht mehr vorkommt, weil er getilgt ist – und damit eine der besten Sicherheitsfragen.

Der Originaltitel von Rebecca Solnits Unziemliches Verhalten lautet wörtlich übersetzt „Erinnerungen an meine Nicht-Existenz“, denn es geht der Autorin um Formen der Auslöschung wie diese. Es geht ihr um den Raum, den Frauen in unserer Kultur nicht einnehmen, nicht einzunehmen haben, und es geht ihr um die Mechanismen, die dafür sorgen. Solnit führt zahlreiche Beispiele aus den unterschiedlichsten Bereichen unserer Kultur an, von der Marginalisierung bis zum Mord, die ein schockierendes, trauriges Gesamtbild ergeben. Ein Bild, an das wir so gewöhnt sind, dass wir ganze Bereiche gar nicht wahrnehmen, ein Bild aus blinden Flecken.

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Mit Dolby-Surround im Viktorianismus

Mein Lesejahr endete mit einem tausendseitigen Lesevergnügen, einem Roman, der noch in anderer Hinsicht superlativisch ist. Middlemarch, George Eliots Hauptwerk, wurde in England vor wenigen Jahren von einer internationalen Jury zum bedeutendsten britischen Roman aller Zeiten gewählt – vor Jane Austen, den Brontës, Charles Dickens oder Virginia Woolf. Julian Barnes und Martin Amis halten ihn für den größten Roman englischer Sprache und betonen, wie beispielsweise auch Siri Hustvedt, immer wieder, welch große Bedeutung dieser Roman für sie hat.

George Eliot, die eigentlich Mary Ann Evans hieß, wurde 1819 geboren und sollte die bestbezahlte und meistgelesene Autorin ihrer Zeit werden. Sie wurde von weiten Kreisen verehrt wie eine Heilige, von anderen allerdings als „Stinkbombe der Menschheit“ verdammt. Dazu später mehr. „Mit Dolby-Surround im Viktorianismus“ weiterlesen

Vom Ende einer Ära

Lju an Konstantin

Ich habe mein Amt angetreten und will Dir berichten, wie sich mir die Lage darstellt. Dass mir gelingen wird, was ich vorhabe, bezweifle ich nicht, es scheint sogar, dass die Umstände günstiger sind, als man voraussetzen konnte.

Ein junger Mann kommt zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auf das russische Gut Kremskoje, wo die Familie des Gouverneurs mit ihren drei fast erwachsenen Kindern Sommerurlaub macht. Er wurde von der besorgten Gattin angestellt, offiziell als Sekretär, tatsächlich jedoch zum Schutz des Gouverneurs. Dieser hat einen Drohbrief erhalten, nachdem er aus Angst vor Unruhen die Petersburger Universität schließen und rebellische Studenten zum Tode verurteilen ließ. Die Familie nimmt Lju herzlich bei sich auf und lässt ihn an ihrem Leben teilhaben. Was sie nicht weiß: Er ist Anarchist und auf Kremskoje, um den Gouverneur umzubringen. „Vom Ende einer Ära“ weiterlesen