Newsletter: Schönste Leseempfehlungen zum Wochenende

Dienstmädchen für ein Jahr von der Norwegerin Sigrid Boo ist ein Roman, der mich an Irmgard Keun und an Jane Austen erinnert – eine ganz tolle Mischung. Das Buch ist von 1930, war damals ein großer Erfolg und wurde gleich dreifach verfilmt, einmal davon in Hollywood. Außerdem bringt der mare Verlag vier hübsche kleine Leinenbände mit Erzählungen klassischer Autorinnen heraus, eine davon In der Bucht von Katherine Mansfield, deren Erzählungen ich immer wieder lesen könnte, sie sind in jeder Hinsicht großartig.

Norwegen, späte 1920er Jahre. Helga wollte nach ihrem Abitur eigentlich nach Paris und ist einigermaßen befremdet, als ihr Vater ihr mitteilt, sie müsse die Reise um mehr als ein halbes Jahr aufschieben, er habe gerade kein Geld dafür. Derartige „Sorgen und Kümmernisse“ sind ihr bisher fremd. Sie ist ein Kind der privilegierten Klasse, dementsprechend ist ihr auch nicht ganz klar, worauf sie sich mit der Wette einlässt, ein Jahr als Dienstmädchen durchzuhalten. Aber als die jungen Männer aus ihrem Bekanntenkreis Witze darüber machen, in wieweit „das moderne junge Mädchen“ „etwas taugt oder nicht“, ist sie verärgert, hält dagegen und wird zur persönlichen Zielscheibe des Spottes: Sie sei doch ihr Leben lang bedient worden, niemals könnte sie „zum Beispiel einen Posten im Haushalt annehmen“. „Ohne das geringste Problem!“, behauptet sie und die Wette ist geboren. Helga fühlt sich in ihrer Ehre getroffen und will beweisen, dass sie das kann. „Warum sollte ich nicht schaffen, was allen anderen Frauen gelang? Sollte ich nicht dasselbe können wie Fie, Anine, Klara und alle anderen Mädchen, die wir gehabt hatten? Es war gemein von den anderen, das anzuzweifeln.“ Auch ihre Tante Aleksandra weist allerdings darauf hin, dass Helga zu Hause bisher nie auch nur den Tisch abgeräumt habe, und tatsächlich scheint sie vor allem bedient worden zu sein und keine Erfahrungen außerhalb ihres Milieus gemacht zu haben. Sigrid Boo (1898-1954) schildert hier nicht nur eine verwöhnte höhere Tochter, sie erzählt auch von der Rolle der bürgerlichen Frau, in deren Haushalt die als gering geschätzten häuslichen Tätigkeiten an Dienstbotinnen delegiert werden, sodass ihnen selbst nur die Aufsicht über diese bleibt, aber keine eigentliche eigene Aufgabe. Kein Zustand für intelligente und auch nur ansatzweise gebildete Frauen, und auch das ist Helga. Was so beginnt ist ein heiterer Roman mit Tiefgang, der vom Erwachsenwerden und von der Liebe erzählt, aber wie nebenbei sehr unterhaltsam und komisch auch von Klassenschranken und Distinktionsbedürfnissen. Der Roman erscheint als Hardcover in der Reihe rororo Entdeckungen, aus dem Norwegischen wunderbar übersetzt von Gabriele Haefs, die ihn für uns wiederentdeckt hat, und mit einem Nachwort von mir.

Katherine Mansfield (1888-1923) hat keinen Roman hinterlassen, aber mehrere Bände mit Erzählungen, die zu den schönsten der literarischen Moderne gehören. In der Bucht ist eine der vier längeren Neuseeland-Erzählungen, für die sie am bekanntesten ist. Die Autorin schildert einen Sommertag in einer Meeresbucht in Neuseeland und die Menschen, die dort leben oder in den Ferien sind, vom Morgengrauen, in dem der Schäfer die Bucht durchquert, über die ersten Schwimmer im Meer und die später kommenden Mütter mit ihren Kindern und die, die zu Hause geblieben sind, bis hin zur wieder einbrechenden Dunkelheit und der Angst und den Geheimnissen, die sie mit sich bringt. Was ich an Katherine Mansfield so liebe, ist ihr menschlicher Blick auf ihre Charaktere und die ständige Gleichzeitigkeit von Wunderbarem und Furchtbarem, die sie auf geniale Weise beschreibt. Zwei Dinge gebe es, die sie beim Schreiben antreiben, steht in einem Brief, den sie 1918 an ihren Mann John Middleton Murry schickte. Das eine sei „Freude, wahre Freude … etwas Zartes und Schönes scheint sich vor meinen Augen zu öffnen, wie eine Blume, ohne dass ich an Frost denke oder an einen kalten Hauch.“ Das andere sei „ein extrem tiefes Gefühl der Hoffnungslosigkeit – dass alles dem Untergang geweiht ist.“ Vielleicht der Grund dafür, dass Mansfields Erzählungen auch heute noch ins Mark treffen.

In der Bucht erscheint bei mare, übersetzt und mit einem Nachwort von mir. Hingewiesen sei auch auf die anderen drei Bände (oben auf dem Foto in all ihrer Schönheit zu sehen), besonders auf die miteinander in Verbindung stehenden Erzählungen von Carme Riera, Und ich lass dir als Pfand das Meer, die ich schon gelesen habe und auch sehr empfehlen kann. Mehr zum Inhalt und zu den anderen Bänden hier.

Nicole Seifert

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Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Autorin, Übersetzerin

Ein Kommentar zu „Newsletter: Schönste Leseempfehlungen zum Wochenende

  1. Das klingt nach der perfekten Mischung aus nostalgischem Charme und echtem Tiefgang. Ein Mix aus Austen und Keun bei Sigrid Boo? Da hast du mich sofort! Dass du bei beiden Titeln sogar als Übersetzerin bzw. mit dem Nachwort dabei bist, macht die Empfehlungen direkt noch spannender.

    Welches der Bücher würdest du jemandem als Erstes in die Hand drücken, der mal wieder so richtig in eine andere Zeit abtauchen will?

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