Romantik und moderne Sachlichkeit

In diesen Tagen erscheint in unserer Reihe rororo Entdeckungen Katrin Hollands Buch Man spricht über Jacqueline, ein Roman von 1930, der von Romantik und moderner Sachlichkeit erzählt und von Rollenerwartungen an Männer und Frauen in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche. Meine Mitherausgeberin Magda Birkmann berichtet in ihrem Nachwort, das ich hier in einer gekürzten Version als Gastbeitrag veröffentlichen darf, von den Hintergründen und davon, wer Katrin Holland war.

Jack Mamroth, die junge, emanzipierte und vor allem sprunghafte Heldin von Katrin Hollands Debütroman Man spricht über Jacqueline, ist eine typische Vertreterin der „Girls“, die so zahlreich die Romane aus der Zeit der Weimarer Republik bevölkern: selbstbewusst, burschikos, knabenhaft schlank mit Bubikopf, Krawatte und stets einer Zigarette im Mundwinkel, auto- und sportbegeistert und auch sexuellen Abenteuern alles andere als abgeneigt. Ihre zahlreichen Eskapaden „genügte[n] natürlich, um Jack in einen gewissen Ruf zu bringen, sie in eine bestimmte Kategorie junger moderner Frauen einzureihen – und Jack – Jack war riesig stolz darauf.“ Die Liebe ist für sie ein reiner Zeitvertreib, ein Spiel, bei dem sie allein die Regeln macht, ohne Rücksicht auf die vielen gebrochenen Herzen, die sie dabei zurücklässt. Bis sie durch Zufall den Schriftsteller Michael Thomas kennenlernt, einen Mann mit altmodischen Moralvorstellungen, der Frauen von Jacks Typ, „die um alle Dinge bescheid wissen und die es auch so offiziell bekennen“, verachtet.

Spätestens seit Shakespeares Dramen werden in Liebeskomödien immer wieder ähnliche Figurenkonstellationen und Handlungselemente aufgegriffen – seien es die zwei ungleichen Schwestern, von denen eine unschuldig-naiv und schüchtern und die andere lebenslustig, unangepasst und alles andere als auf den Mund gefallen ist, sei es  das Liebespaar, bei dem er seine Frau zu erziehen, wenn nicht gar zu „zähmen“, sie hingegen ihren Mann zu mehr Gelassenheit und Spontanität zu verleiten versucht, bis das Paar sich in der Mitte trifft. Wer mit solchen Mustern vertraut ist,, wird bei Beginn der Lektüre von Katrin Hollands Roman womöglich eine recht klare Vorstellung davon haben, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln könnte. Auch der flotte Erzählton Hollands suggeriert uns zunächst, dass wir es hier mit einer kurzweiligen romantischen Verwechslungskomödie zu tun haben, an deren Ende sich alle Missverständnisse zwischen den Figuren in Wohlgefallen auflösen, das Liebespaar dem „Happily Ever After“ entgegensteuert und wir Leser:innen das Buch mit einem Gefühl behaglicher Zufriedenheit ins Regal zurückstellen können. In Wahrheit gestaltet sich die tragische Liebesgeschichte, die die junge Schriftstellerin uns in ihrem ersten Roman erzählt, wesentlich komplexer. Denn Man spricht über Jacqueline ist ein Roman, in dem nicht nur Figuren mit sehr unterschiedlichen Charaktereigenschaften und Moralvorstellungen, sondern vor allem auch zwei völlig verschiedene, kaum miteinander vereinbare Liebesmodelle aufeinanderprallen.

Schriftsteller der Romantik wie Friedrich Schlegel entwickelten eine neue Vorstellung von Liebe als einer Art Religion, mit deren Hilfe Individuen ihr fragmentiertes Selbst zurück in eine stabile Identität überführen könnten. Dies sollte durch den wechselseitigen Perspektivwechsel und das einfühlsame, vollkommene Verstehen gelingen, die eintreten, wenn zwei Liebende einander die eigenen Lebensgeschichten erzählen. Dem stellt die Literaturwissenschaftlerin Elke Reinhardt-Becker das „radikale Gegenmodell“ gegenüber, das die Autor*innen der Neuen Sachlichkeit in den 1920er Jahren geradezu als „Negation der romantischen Liebe“ entwickelt haben: eine Liebe, die endlich und nicht unbedingt exlusiv ist, die nebensächlich, kameradschaftlich und eher kühl daher kommt. Auf den ersten Blick vertritt Jack, die rücksichtslos mit den Herzen der Männer spielt, ohne dabei jemals tiefere Bindungen einzugehen, eindeutig das sachliche Liebesmodell, doch die Charakterisierung aus der Sicht ihres  ehemaligen Geliebten und späteren Verbündeten Leslie deutet an, dass sie keinem der beiden konkurrierenden Liebesmodelle eindeutig zuzuordnen ist: „Jack war ein seltsames Gemisch aus moderner Sachlichkeit und veralteter Romantik. Sie verstand es auf eine sehr angenehme Weise, die neue Sachlichkeit auszunutzen, indem sie vergnügt dem Leben abgewann, was ihr Freude versprach, und erst romantisch wurde, wenn sie innerlich versagte.“ Dieses innerliche Versagen stellt sich schnell ein, als sie auf den von altmodischen Liebes- und Moralvorstellungen geprägten Michael trifft und sich entgegen aller Vernunft – denn die Unterschiede zwischen ihnen beiden stehen ihr von Anfang an klar vor Augen – unsterblich in ihn verliebt. War sie zuvor noch stolz darauf gewesen, ein rücksichtsloser „Vamp“ zu sein, muss sie nun feststellen, dass auch sie ein Herz besitzt, das sich nach der „großen, einzigen, wahren Liebe“ sehnt. Michael, dem die freizügigen, emanzipierten „neuen Frauen“ sehr suspekt sind, schreckt vor Jacks in seinen Augen viel zu offensiven Annäherungsversuchen zunächst zurück. Erst als sie sich zurücknimmt und ihm die Führung überlässt, meint er in ihr die reine, unschuldige und vor allem unberührte Frau zu erkennen, die seinem romantisch-patriarchalischen Liebesideal entspricht und die in ihrer vollkommenen Hingabe an ihn dazu fähig wäre, ihn „wieder zu dem zu machen, der er früher gewesen war“. Dass sein Bild von Jack pure Illusion ist, ist nicht nur uns Leser*innen, sondern auch ihr selbst deutlich bewusst. Jack weiß, dass sie den geliebten Mann verlieren wird, sobald er die Wahrheit über sie erfährt.

Katrin Holland war nur eines von mehreren Pseudonymen einer Autorin, die sich selbst immer wieder neu erfand. Sogar über das Geburtsjahr der als Heidi Huberta Freybe zur Welt gekommenen ältesten Tochter des Rostocker Majors Paul Freybe und der Kaufmannstochter Paula Vick existieren widersprüchliche Quellenangaben, sie wurde entweder am 8. September 1914 oder aber – was als wahrscheinlicher zu betrachten ist – am 8. September 1910 geboren. Die Vermutung, dass die Autorin und ihr Verlag zum Erscheinen ihres Debütromans 1930 aus Marketinggründen einige Lebensjahre unterschlugen, liegt nahe – schließlich dürfte das literarische Debüt einer 16-Jährigen noch einmal deutlich mehr Aufmerksamkeit erregt haben als das einer 20-Jährigen. Ihre Schulausbildung absolvierte Freybe u.a. in England, Frankreich, Italien und der Schweiz, was ihr nicht nur sehr gute Fremdsprachenkenntnisse – insbesondere des Englischen – sondern auch eine frühe Unabhängigkeit von familiären Bindungen einbrachte. Im Alter von 16 Jahren ging Freybe, die schon in jungen Jahren zu schreiben begonnen hatte, mit dem Ziel, Redakteurin zu werden, nach Berlin. Dort fand sie jedoch zunächst nur als ungelernte Arbeiterin in einer Chemiefabrik Anstellung. Nachts widmete sie sich dem Romanschreiben, kassierte für ihre ersten Manuskriptversuche allerdings ausschließlich Absagen, bis sie schließlich Manfred George, den Feuilletonchef der Berliner Abendzeitung Tempo, von Man spricht über Jacqueline überzeugen konnte. Der Text erschien zunächst als Fortsetzungsroman in der vom Ullstein Verlag verlegten Zeitung, bevor er 1930 von selbigem auch in Buchform herausgebracht wurde. Der Roman, der wie auch die späteren ihrer auf Deutsch verfassten Romane unter dem Pseudonym Katrin Holland erschien, machte die junge Frau über Nacht zum Star. Wie ein Meteor sei sie damals am Himmel des Hauses Ullstein erschienen, heißt es in einem späteren Porträt der Autorin in der deutsch-jüdischen Exilzeitung Aufbau aus dem Jahr 1944: „‚Wie‘, so fragte man sich damals, ‚ist es möglich, dass eine so junge Autorin, von der man noch nie etwas gehört hat, mit so fertigen, geschliffenen Dingen an die Öffentlichkeit tritt, und außerdem über eine so märchenhafte Technik verfügt?‘“ Angesichts des plötzlichen Erfolgs gab Holland ein in der Zwischenzeit begonnenes Universitätsstudium wieder auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. In den nächsten zwei Jahren bereiste sie als freie Reporterin des Ullstein Verlags ganz Europa und veröffentlichte zahlreiche Reportagen. In diese Zeit fällt auch ihre erste Eheschließung mit dem Juristen Joseph M. Loewengard.

Noch bis 1935 erschienen Hollands nächste Romane bei Ullstein, obwohl sie selbst das Land aufgrund der politischen Lage bereits vor 1933 verlassen und sich in Norditalien niedergelassen hatte. Während ihrer Zeit im italienischen Exil trat Holland in Kontakt mit verschiedenen kleinen Untergrundorganisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, gefährdeten Personen die Flucht aus Deutschland zu ermöglichen. Ihre Villa am Ortasee diente dabei als Zwischenstation für die Geflüchteten, während sie selbst Mitte der 30er Jahre mehrere Reisen zurück nach Deutschland unternahm, um Geld und gefälschte Dokumente zu transportieren. Als Holland auf einer dieser riskanten Reisen beinahe gestellt wurde, suchte sie zunächst in den Niederlanden Schutz, bevor sie nach England weiterreiste – dort bot ihr ein Freund an sie zu heiraten, um ihr zu einem britischen Pass zu verhelfen. Mithilfe dieses Passes emigrierte Katrin Holland schließlich Ende der 30er Jahre in die USA, wo sie nach Erlangung der amerikanischen Staatsbürgerschaft 1947 den Rest ihres Lebens verbringen sollte. Hollands Emigration markierte dabei nicht nur einen geografischen Übertritt, sondern auch den Beginn einer neuen Phase ihres schriftstellerischen Schaffens und den Aufbau einer neuen Autorinnenidentität. Den Kontakt zu den europäischen Widerstandsgruppen hatte sie inzwischen verloren und auch zu den verschiedenen Verbänden deutscher Emigrant:innen in den USA pflegte sie keine Beziehungen. Stattdessen lebte sie, nach kurzen Zwischenstationen in Hollywood und in New York, zurückgezogen auf einer kleinen Farm in New Jersey, die sie günstig erworben hatte, und konzentrierte sich fortan ganz auf den literarischen Markt ihrer neuen Heimat. Holland, die seit ihrer Kindheit mit der englischen Sprache eng vertraut war, begann nun selbst auf Englisch zu schreiben und mit dem Sprachwechsel ging für sie auch ein Themen- und Genrewechsel einher. Lag der Erfolg ihrer früheren, unter dem Namen Katrin Holland publizierten Romane laut eigener Aussage darin begründet, dass diese ihren Leser:innen durch die romantischen Plots eine Flucht aus der Realität ermöglichten, hatten ihre neuen Werke eine dezidiert politische Zielsetzung: Sie sollten ihre „Waffe“ im Kampf gegen den Faschismus sein. Als ihr Hauptanliegen als Autorin bezeichnete sie dabei das Thema der persönlichen Freiheit, für dessen Auslotung das Krimigenre in ihren Augen einen besonders brauchbaren Rahmen bot. 1942 erschien ihr erster auf Englisch verfasster Roman No Surrender, ein im holländischen antifaschistischen Widerstand angesiedelter Spionagethriller mit romantischem Subplot. Als neues Pseudonym hatte sie den Namen Martha Albrand gewählt, unter dem sie bis zu ihrem Tod noch über weitere 20 dem Krimi- und Thrillergenre zuzuordnende Romane veröffentlichen sollte. Während dabei bis in die frühe Nachkriegszeit das nationalsozialistische Regime und dessen Schergen die häufigsten Widersacher ihrer Protagonist:innen darstellten, verschob sich Albrands Fokus in ihren Büchern ab 1950 eher auf die gesellschaftliche Bedrohung, die der Kommunismus in ihren Augen darstellte. Für ihren Roman After Midnight wurde sie 1950 mit dem Grand prix de littérature policière, einer der bedeutendsten Auszeichnungen für Werke der Kriminalliteratur, ausgezeichnet. Über ihren Tod am 24. Juni 1981 hinaus erfreuten sich Martha Albrands Werke international großer Beliebtheit, auch ins Deutsche wurden viele von ihnen übersetzt.

Katrin Hollands frühe Romane aus ihrer Berliner Zeit hingegen waren da schon lange in Vergessenheit geraten, keiner von ihnen war seit dem ursprünglichen Erscheinen in den 1930er Jahren je wieder neu aufgelegt worden. Das mag zum einen darin begründet sein, dass die Autorin selbst ihre deutsche Vergangenheit so vollständig hinter sich gelassen und in Übersee einen kompletten Neuanfang gewagt, dass sie die Rolle der Katrin Holland zugunsten ihrer neuen Identität als Martha Albrand endgültig abgelegt hatte. Ein weiterer Grund mag in der Geringschätzung liegen, die „reinen“ Liebesromanen in der Literaturwissenschaft und -kritik bis heute häufig entgegengebracht wird und die sich auch in den wenigen (und äußerst knappen) literaturgeschichtlichen Auseinandersetzungen mit Katrin Hollands bzw. Martha Albrands Werk mehrfach beobachten lässt. Dabei ist ein Roman, der von den Geschlechterkonflikten und veränderten Rollenerwartungen an Männer und Frauen in Zeiten großer gesellschaftlicher Krisen und Umbrüche erzählt, natürlich nicht weniger politisch relevant als Albrands spätere Bücher über antifaschistische Widerstandskämpfer:innen – ganz im Gegenteil haben leider beide Themen heute wieder an trauriger Aktualität gewonnen.

Magda Birkmann

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Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Autorin, Übersetzerin

4 Kommentare zu „Romantik und moderne Sachlichkeit

  1. Ich lese es gerade. Danke für eure Reihe! Das sind wahre Schätze. Den Beitrag hier habe ich gerade nur überflogen, weil ich meine eigenen Gedanken erst einmal sammeln will, aber ich komme zurück!

    LG Bri

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  2. Ihre Aussendungen lese ich gerne.
    Wie haben Sie meine Mail-Adresse gefunden?
    Liebe Grüße aus einem Kuhdorf in Niederösterreich,
    Dorothea Lachner

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