Ein ungeheures Unbehagen

Angelika Mechtels Roman Das gläserne Paradies erzählt von einer Bundesrepublik im Umbruch. Es ist 1971, die Jahre des Wiederaufbaus sind vorbei, das Wirtschaftswunder hat alle materiellen Grundbedürfnisse weitgehend erfüllt, es öffnet sich ein Raum für Ideale wie Selbstverwirklichung und Partizipation. Bei den Frauen, den Studierenden und Arbeiter*innen herrscht Aufbruchsstimmung. Man will weg vom Untertanengeist der Ära Adenauer und betreibt zusammen mit dem SPD-Bundeskanzler Willy Brandt die Modernisierung, Liberalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft. Gleichzeitig formieren sich konservative Gegenbewegungen, beispielsweise mit der Gründung der NPD. Genau von diesen Verschiebungen und Verwerfungen in der Gesellschaft erzählt Angelika Mechtel anhand der Familie Born. Ursprünglich erschienen 1973, legen wir Das gläserne Paradies nun in der Reihe rororo Entdeckungen neu auf.

Man könnte Angelika Mechtels Personal als Gruselkabinett bezeichnen, aber das wird ihm dann doch nicht ganz gerecht, dazu sind die Mitglieder der Familie Born viel zu normal und realistisch. Da ist die noch im Kaiserreich geborene Elterngeneration, die sich in der Nachkriegszeit in einem paradiesischen Zustand wähnt und nichts mehr davon wissen möchte, dass sie den Nationalsozialismus mitzuverantworten hatte. Selten wurde so schauderhaft klar vom Nebeneinander bürgerlicher Kunstbeflissenheit und latenter Grausamkeit erzählt wie in den Szenen, in denen Tante Olga eine junge Dichterin zu einer halböffentlichen Lesung in ihr Wohnzimmer bittet und Onkel Egon über Hälse und Schrumpfköpfe fantasiert. Und davon, wie Kunst und Kultur dazu dienen, bei eigener völliger Lethargie die Fassade aufrechtzuerhalten. Auch Unliebsames lässt sich auf diese Weise überdecken, wie die eigene BDM-Karriere oder die SA-Mitgliedschaft des inzwischen längst entnazifizierten Professorengatten. Schließlich war man im Herzen sowieso immer im Widerstand. Alkohol, die im Buch oft erwähnten Tabletten und das ständige Beschwören von Ordnung und Zufriedenheit tun bei dieser Lüge das ihre. Schwer zu ertragen ist da für die Figuren ein Bundeskanzler, der tatsächlich 1933 ins Exil und in den Widerstand gegangen war. Werden sie mit solchen Widersprüchen konfrontiert, reagieren die Eltern, Tanten und Onkel gereizt, etwa wenn die geladene junge Dichterin sich nach der Obdachlosensiedlung am Stadtrand erkundigt. Schließlich ist für das eigene Schicksal immer noch jede und jeder selbst verantwortlich, bietet diese Gesellschaft allen dieselben Chancen. Verstanden oder gelernt werden will hier nichts mehr. Nachvollziehbar, dass Michael, einen der beiden Söhne, ein „ungeheures Unbehagen“ beschleicht, sobald er seiner Familie ausgesetzt ist.

Da ist der Bruderzwist der beiden Protagonisten, der Söhne Friedrich und Michael mit ihren gegensätzlichen Lebensentwürfen. Da sind aber auch mehrere hochinteressante Frauenfiguren, denn Angelika Mechtel fiel bei der Arbeit an diesem Roman, wie sie Patricia Russian später in einem Interview erzählte, etwas auf: „Während ich an meinem Gläsernen Paradies schrieb, überlegte ich mir plötzlich: Wieso sitzt du eigentlich immer da und hast immer Männer im Mittelpunkt deiner Geschichten und machst dies alles so mit, treibst diesen ganzen Prozeß weiter, daß eben der Mann der Mittelpunkt aller Dinge ist?“ Neben Amalie, der stolzen Großmutter, bei deren sechzigstem Geburtstag wir die Familie kennenlernen, lohnen vor allem die Nebenfiguren einen genaueren Blick: die Toilettenfrau, die ihren Sohn verloren und wenig zu lachen hat und gleichzeitig lebendiger wirkt als sämtliche Mitglieder der bürgerlichen Geburtstagsgesellschaft im Festsaal. Auch das junge Mädchen, um das die Nonne Martha sich kümmert, ist eine marginalisierte Figur, die von der Welt nichts zu erwarten hat. Wohingegen Martha sich bewusst dafür entschieden hat, als Nonne am Rande der Gesellschaft zu stehen, und sich ihre Unsichtbarkeit zunutze zu machen weiß.

Angelika Mechtel gehört mit Ingeborg Drewitz, Elisabeth Plessen, Elfriede Jelinek und anderen in den Kreis der Autorinnen, die sich in den Nachkriegsjahrzehnten mit weiblichen Lebensbedingungen und ihren Folgen beschäftigten, sie anprangerten und die mediale Auseinandersetzung darüber nicht scheuten. Auch über die Situation der schreibenden Frau in Deutschland machte sie sich keine Illusionen: „Eine Autorin scheitert rascher in den Grabenkämpfen des Literaturbetriebs. Behindert durch Doppelbelastung und permanente Konzentrations-Zerstörung – wenn sie etwa neben dem Literarischen auch noch Kinder betreut – bleibt sie häufig, was ihren Bekanntheitsgrad anbelangt, im Mittelfeld stecken und wird entsprechend honoriert. Ein Wohl-oder-übel-Fazit: Jeder weibliche Autor hat mehr Chancen zu reüssieren, der auf einen Teil des Lebens verzichtet. Verzichtsklauseln zugunsten der Literatur? Ein trauriges Kapitel weiblicher Entwicklungsgeschichte.“

Bei der Literaturkritik hatte Mechtel Erfolg, allerdings hatte sie zunächst nur wenig Leser*innen. Um von den damit verbundenen mittelmäßigen Honoraren wegzukommen – schließlich hatte sie eine Familie zu ernähren -, nahm sie sich vor, zugänglicher und weniger intellektuell zu schreiben als zu Beginn ihrer Autorinnenlaufbahn. Das gläserne Paradies ist die Folge dieses Entschlusses. Wir freuen uns, den Roman der am 8. Februar 2000 verstorbenen Autorin nun in der Reihe rororo Entdeckungen wieder aufzulegen und wünschen viel Vergnügen bei dieser abgründig komischen Lektüre, die gut fünfzig Jahre nach dem ersten Erscheinen so historisch wie aktuell wirkt.

Nicole Seifert

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Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Autorin, Übersetzerin

3 Kommentare zu „Ein ungeheures Unbehagen

  1. Spannend, dass dieses Buch neu aufgelegt wird. Habe ich auf meine Bücherliste gesetzt (die leider schon recht lang ist …) . Lese gerne weitere Besprechungen von solchen Entdeckungen.

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  2. Angelika Mechtel hat sich dafür eingesetzt, dass schreibende Frauen ins Blickfeld gerückt werden. Sie sah sich als 68erin und Kritikerin der Gesellschaft und engagierte sich besonders für Menschen, die politisch verfolgt wurden aufgrund ihres Schreibens. In ihrem Roman bekundet sie unleugbar ihre Sympathie mit den Schwächeren, zu denen auch die Frau gehört und betont in ihrem Roman: »daß die Frau sich loslöst aus dem Käfig der männlichen Vorherrschaft, daß sie begreift, nicht mehr nur Objekt zu sein.« (S. 188).

    Sehr lesenswert!

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