Kurz und knapp: Fünf Lieblingslektüren der letzten Zeit

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Zwei seit langer Zeit befreundete, in London lebende Paare, die zusammen ihre Urlaube und ihre Freizeit verbringen. Die Töchter sind inzwischen ausgezogen, es wäre also Zeit, sich wieder in Ruhe den eigenen Interessen und einander zu widmen – da stirbt einer von ihnen unerwartet. Das ist nicht nur ein Schock für die verbliebenen drei, es bringt auch das Gleichgewicht ihrer Freundschaft ins Wanken. Dabei hilft nicht, dass die Frauen in ihrer Jugend jeweils mit dem Ehemann der anderen liiert waren. Die Amerikanerin Tessa Hadley erzählt in ihrem neuen Roman von unterschiedlichen Lebensaltern, von Liebe und Elternschaft, von Begehren und Enttäuschung, und sie tut das so leichthändig und gekonnt, als wäre es nicht weiter schwer. Rebecca Makkai schrieb in der New York Times: „Hadleys großes Verdienst ist es, gleichzeitig altmodisch und modern und wunderbar postmodern zu sein. Wir haben die Geschichte schon gehört und wir haben sie noch nie gehört und es ist großartig.“

Tessa Hadley
Zwei und zwei
Roman
Deutsch von Gertraude Krueger
Kampa Verlag
320 Seiten
22 Euro

 

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Die 88-jährige Lady Slane war ihren Kindern stets eine gute Mutter und ihrem Mann eine ergebene Ehefrau, die auch als Politikergattin nie aus der Rolle fiel. Als ihr geliebter Mann mit über neunzig Jahren stirbt, gehen ihre fünf Kinder – ihrerseits zwischen sechzig und siebzig Jahre alt – davon aus, dass ihre Mutter keine genauen Vorstellungen davon hat, wie sie ihre verbliebene Lebenszeit verbringen möchte. Klar ist: Sie kann nicht in dem großen Haus bleiben und wird zu einem ihrer Kinder ziehen müssen, die ihr dieses denn auch mit mehr oder weniger aufrichtiger Freude anbieten. Zur grenzenlosen Überraschung der fünf weiß die alte Dame jedoch sehr genau, was sie will: Sie möchte allein leben, in einem Haus, das sie sich bereits ausgeguckt hat. Und noch was: Sie bittet darum, von ihrer Familie in Ruhe gelassen zu werden, sie möchte in Ruhe ihren Erinnerungen nachhängen. Insbesondere von Besuch der Enkel- und Urenkelkinder bittet sie abzusehen. Die Überraschung der „Kinder“ ist groß. Was hat ihre Mutter vor? Und kann das eine gute Idee sein? – Vita Sackville-Wests Roman aus dem Jahr 1931 ist ein viel zu kurzes, sehr britisches Vergnügen.

Vita Sackville-West
Unerwartete Leidenschaft
Roman
Aus dem Englischen von Hans B. Wagenseil
Wagenbach Verlag
240 Seiten
11,90 Euro

 

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Der 2008 erschienene Roman Mein Herz in der Enge von Marie NDiaye, einer der prominentesten Autorinnen Frankreichs, hat mich sehr beeindruckt und  mit seinen unwahrscheinlichen bis irren Szenarien an Franz Kafkas Der Process erinnert, an Marlen Haushofers Die Wand und zwischenzeitlich auch an Roman Polanskis Rosemarys Baby. Nadia und Ange Lacordeyre, beide um die fünfzig, beide lehren mit Begeisterung an einer Grundschule, werden mit einem Mal auf unnachvollziehbare Weise angefeindet: Kolleg*innen schneiden sie, Passant*innen spucken ihnen ins Gesicht, selbst Freund*innen und Familie ziehen sich von ihnen zurück. Während Ange die Ursache zu kennen scheint, versteht Nadia die Welt nicht mehr. Es entwickelt sich ein Szenario, das sich – wie die Texte Kafkas und Haushofers – vielseitig interpretieren ließe. Mindestens lässt sich wohl sagen, dass es in diesem großartigen Roman um Scham und Selbsthass geht, um ein fragiles Selbstbild, das nur über Bösartigkeit und Abwertung anderer funktioniert und um den Teufelskreis von Hass und Einsamkeit, der durch fehlende Liebe und Großzügigkeit entsteht.

Marie NDiaye
Mein Herz in der Enge
Roman
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Suhrkamp Verlag
284 Seiten
Der Roman ist zur Zeit leider nur antiquarisch erhältlich,
lässt sich online aber leicht finden, etwa bei medimops.de oder ZVAB.com
 

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Der neue Roman der Österreicherin Valerie Fritsch ist durchaus nicht so plakativ und prosaisch, wie Cover und Titel vermuten lassen – es ist im Gegenteil ein Buch voller wunderschöner Sätze und gelungener Vergleiche. Die Großmutter der Erzählerin lebt in einem „Haus wie ein Einmachglas, das noch die entferntesten Jahre haltbar gemacht hatte. Ein Behälter für den alten Schmerz.“ Und um diesen Schmerz geht es, denn er ist allgegenwärtig, auch wenn die vom Krieg traumatisierten Großeltern ein Leben lang nicht über ihre Erinnerungen sprechen. Und um den ihres Kindes, das sein Leben vor sich hat, das von all dem nichts weiß und keinen Schmerz empfinden kann – und deshalb besonders gefährdet ist. Ein sehr poetisches, nachdenkliches Buch über Großmütter und Mütter und darüber, selbst Mutter zu werden, übers Erinnern und sich Verorten.

Valerie Fritsch
Herzklappen von Johnson & Johnson
Roman
Suhrkamp Verlag
174 Seiten
22 Euro

 

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Deutschland ist stolz auf seine Dichter und Denker, und wenn man sich überlegt, um wen es da konkret geht, dann sind Dichterinnen und Denkerinnen in diesem Fall durchaus nicht mitgemeint. Dabei gab es die natürlich auch, sie kommen nur leider heute kaum noch vor, beginnend mit dem Schulunterricht. Die Germanistin und Theologin Katharina Herrmann hat einigen von diesen Schriftstellerinnen jetzt ein Buch gewidmet, das in zwanzig Porträts klug und unterhaltsam von deren Leben, Werk und Bedeutung berichtet. Die Lebensgeschichten von Autorinnen wie Johanna Schopenhauer, Rahel Varnhagen, Louise Aston, Lou Andreas-Salomé, Vicki Baum und Mascha Kaléko weisen bei aller Unterschiedlichkeit ein paar vielsagende Gemeinsamkeiten auf und werfen so nebenbei auch ein Licht auf die Geschichte der Frauen in Deutschland. Wie sich Lebensbedingungen und Bildungschancen und sogar Vorurteile gegenüber schreibenden Frauen sehr langsam änderten, während andere einfach nicht weichen wollen – auch das erzählt dieses sehr kurzweilige, lebendig geschriebene Buch, das neugierig auf das Werk der beschriebenen Autorinnen macht.

Katharina Herrmann
Dichterinnen und Denkerinnen
Frauen, die trotzdem geschrieben haben
Mit Illustrationen von Tanja Kischel
Reclam Verlag
237 Seiten
20 Euro

 

 

 

 

 

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Nacht und Tag Literaturblog

Leserin, Schreiberin, Übersetzerin und Bloggerin

6 Antworten auf „Kurz und knapp: Fünf Lieblingslektüren der letzten Zeit

  1. Danke, liebe Nicole, für Deine Tipps. Euch geht es hoffentlich gut – bei uns ist alles gut. Die viele Zeit nutze ich zum Lesen.

    Ich habe online das Buch von Sackville-West gelesen. Dies war sehr amüsant- schöne Sprache / Bildsprache. Nun warte ich auf die Ausleihe von E. Strout (Empfehlung Literarisches Quartett). Mit Lutz Seiler (Stern 111) hatte ich meine Schwierigkeiten- wie schon bei KRUSO habe ich mich durchgekämpft! Wurde damit nicht warm und kann den Hype nicht um ihn nicht verstehen.

    Liebe Grüße und Euch eine gute Zeit!!

    Wolfgang Berger Handy 0179 5907686 Von meinem iPhone gesendet

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