Das alte Jahr endete für mich mit Übergängen, mit zurückblicken, neu bewerten und neu anfangen, ausgelöst durch einen Umzug und durch einen Preis. Das alles hat mit Büchern zu tun, mit meiner Bibliothek und den Büchern, die ich herausgebe und schreibe …
Weil die Deckenhöhe im neuen (tatsächlich sehr alten) Haus so niedrig ist und sich der Platz für Regale dadurch sehr verringert hat, gehörte es diesmal zum Umziehen dazu, bei jedem einzelnen von mehreren tausend Büchern zu überlegen, ob ich es behalten möchte. Eine langwierige, ziemlich schwierige Aufgabe. Ich habe die Kartons nicht gezählt, die ins Antiquariat gewandert sind, in den öffentlichen Bücherschrank oder ins Altpapier (unlesbar gewordene alte Taschenbuchausgaben, überholte Lexika). Aber beim Einsortieren habe ich mich gefreut, wie viel mehr diese verkleinerte Bibliothek nun meine persönliche ist, was für ein eigener Charakter durch das Aussortieren zum Vorschein gekommen ist. Das Beitragsfoto zeigt einen Ausschnitt vom neuen Regal, nicht mehr schwarz, sondern hell. Die gelesenen Bücher stehen, die ungelesenen liegen, mal sehen, ob das so bleibt …
Kaum waren die Bücherkartons ausgepackt, bin ich nach Darmstadt gefahren, wo ich für meine Arbeit der letzten Jahre den Luise Büchner Preis für Publizistik bekommen habe, für diesen Blog, meine beiden Sachbücher und die Reihe rororo Entdeckungen. Die wunderbare Laudatio von Daniela Dröscher ist online nachzulesen, wie auch meine Preisrede, in der ich eine kleine Zwischenbilanz versucht habe zum Thema Frauen im Literaturbetrieb. Was hat sich getan in den Jahren, die ich mit dem Thema unterwegs bin, haben die Frauen übernommen, wie im Oktober in der Süddeutschen zu lesen war, ist jetzt auch mal gut? Was passiert diesbezüglich gerade? Spoiler: Der Backlash ist leider in vollem Gange.
Das neue Jahr beginnt mit dem Erscheinen von zwei Romanen, die ich beide schon vor längerer Zeit im englischen Original gelesen und sehr geliebt habe. Das eine – Audrey Magees Die Kolonie – durfte ich nach kundgetaner Begeisterung für Nagel und Kimche ins Deutsche übersetzen. Das andere – Siân James‘ Ein Nachmittag im Mai – konnte ich in unserer Reihe rororo Entdeckungen unterbringen. Sabine Längsfeld hat es ins Deutsche übersetzt, ich habe das Nachwort geschrieben.

Eine abgelegene, dünn besiedelte Insel vor der westirischen Küste. Man weiß erst nicht: Spielt das in einem früheren Jahrhundert, so wie die Menschen hier leben? Durch die zwischen die Kapitel gesetzten kurzen Berichte wird bald klar: Es ist 1979, das Jahr, in dem die IRA reihenweise tödliche Anschläge verübt. Was das mit der kleinen Insel zu tun hat, erschließt sich mit der Zeit, denn auch auf dieser zunächst viel beschaulicheren Handlungsebene geht es letztlich um Besitzansprüche und die Folgen von Kolonialgeschichte. Das klingt allerdings viel abstrakter, als es daherkommt – was mich an diesem Roman so begeistert hat, sind seine lebendigen Figuren, ist seine große Unmittelbarkeit.
Der Maler Lloyd kommt aus London auf die Insel, um die Klippen zu malen, zu Hause läuft es nicht so gut für ihn, weder privat noch beruflich. Die Iren, die ihm ein Häuschen vermieten, begegnen ihm distanziert, nur der 15-jährige James interessiert sich für das, was Lloyd da tut, fragt, warum er was malt, wie er das macht, lässt sich von dem zunächst genervten Maler nicht abwimmeln, sodass sich eine engere Beziehung zwischen den beiden entwickelt. Bald nach ihm kommt außerdem ein Franzose auf die Insel, der schon öfter dort war, ein Sprachforscher, der das Verschwinden der irischen Sprache, die zunehmende Dominanz des Englischen dokumentiert und zugleich aufzuhalten versucht. Die beiden Besucher bringen beide auf ihre Weise die Moderne mit und ihre eigenen Ansichten und Interessen. Sie konkurrieren um die Insel und um die Gunst einer bestimmten Bewohnerin.
Bewunderungswürdig, was die Irin Audrey Magee, die mit diesem Roman 2022 auf der Longlist des Booker Prize stand, hier scheinbar leicht zu einem Ganzen, zu einer mitreißenden Geschichte verbindet. Eine kluge Parabel auf den Kolonialismus, sehr atmosphärisch, so gute Dialoge und Figuren, ein Buch, das einen großen Sog entwickelt – dieser Roman hat einfach alles.

Wir wechseln nach Wales, bleiben aber in den 1970er Jahren. Ein Nachmittag im Mai beginnt wie der Inbegriff einer romantischen Komödie mit einem filmreifen Kuss und stürmischer Verliebtheit. Das Tolle ist aber, schon in der ersten Szene ist der Roman beides: eine realistische Geschichte, in der eine Frau in die Apotheke fährt, um für ihre kranke Tochter Medikamente zu besorgen, und eine RomCom, in der diese Frau von einem Mann, der ihr vage bekannt vorkommt, plötzlich „mitten auf den Mund“ geküsst und „mindestens eine halbe Minute lang“ festgehalten wird. Dass Siân James (1930-2021) mit diesem im Original 1975 erschienenen und nun erstmals ins Deutsche übersetzten Roman das Genre der Liebeskomödie erfüllt und es gleichzeitig gegen den Strich bürstet, macht ihn so besonders (in der Tradition von Jane Austen, die das auch schon gemacht hat, mehr dazu in meinem Nachwort). Denn es geht auch darum, alleinerziehend zu sein, noch dazu auf dem Land, es geht um gesellschaftliche Konventionen und darum, welche Auswirkungen die Ehe der Eltern für die eigenen Beziehungen haben kann. Es geht um Frauenfreundschaften und Ehrlichkeit miteinander und mit sich selbst. Und es geht darum, wie wichtig es ist, selbst für den Wandel zu stehen, den man in der Gesellschaft erleben möchte. Ein Buch, das ich nicht zuletzt für seine Atmosphäre (Landleben!) und für seine sehr unterschiedlichen, liebenswerten Frauenfiguren so mag, und das romantische Komödie und scharfsinniger gesellschaftlicher Kommentar zugleich ist.
Zum Schluss noch etwas zum Thema Neuanfang: Seit Januar schreibe ich an einem neuen Buch, das 2026 bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen wird. Es geht ganz grob wieder um Schriftstellerinnen, um ihr Leben und ihr Werk – dazu sicher bald Genaueres.
Und zu allerletzt: Die für Ende Februar geplanten Lesungen in Hannover und Isernhagen müssen leider ausfallen. Wer möchte, kann stattdessen auf NDR Kultur nachhören, worüber Elisabeth Plessen, Simone Buchholz und ich uns im November im Rahmen von Der Norden liest im Literaturhaus in Kiel unterhalten haben. Die beiden haben von ihren Erfahrungen im Literaturbetrieb damals und heute erzählt, außerdem ging es um Ilse Aichinger. Simone Buchholz liest aus Aichingers Werk, Elisabeth Plessen erzählt von ihrer Bekanntschaft mit der Autorin, ich von Aichinger bei der Gruppe 47.
Nicole Seifert
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