Nacht und Tag

Es ist was faul im deutschen Feuilleton

Ich bespreche auf meinem Blog fast nur Literatur von Frauen, denn die ist im Feuilleton unterrepräsentiert. Neben positiven Rückmeldungen höre ich dazu immer wieder zwei Kommentare: „Das Geschlecht spielt für mich bei der Auswahl von Büchern gar keine Rolle“ und „Muss denn immer alles Fifty-fifty sein?“ – Der Versuch einer Antwort, die dem Thema gerecht wird.

Wenn ich die Literaturseiten der FAZ oder der Süddeutschen aufschlage, ärgere ich mich regelmäßig, weil sich von drei Rezensionen mal wieder drei mit Büchern von männlichen Autoren befassen. Das ärgert mich nicht nur, weil mein Hauptinteresse Literatur von Frauen gilt, sondern vor allem, weil es bedeutet, dass Autorinnen nicht den Raum und die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.

Um meinen Eindruck zu objektivieren, habe ich im April 2018 eine kleine Zählung durchgeführt. Ergebnis: In der FAZ wie in der SZ wurden in diesem Monat auf den Literaturseiten 47 Bücher von männlichen Autoren besprochen, aber nur 16 von Autorinnen. Wenige Monate später wurde meine – natürlich nicht besonders belastbare – Stichprobe durch die Veröffentlichung einer Studie der Universität Rostock gestützt, die im Monat März 2018 über 2.000 Rezensionen aus 69 deutschen Medien (Print, Hörfunk und TV) sozialwissenschaftlich ausgewertet hat.

Bücher von männlichen Autoren werden häufiger besprochen

Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Bücher von Männern in allen Medien (mit Ausnahme von Frauenzeitschriften) häufiger und ausführlicher rezensiert werden als die von Frauen. Genauer: Zwei Drittel der besprochenen Bücher stammten von Autoren, nur ein Drittel von Autorinnen. Interessant ist vor allem die Frage, wer sich womit befasst. Wie sich zeigt, besprechen die männlichen Kritiker nämlich zu drei Vierteln Werke von Männern, während das Geschlecht des Autors für Kritikerinnen offenbar keine Rolle spielt. Das Fazit der Studie lautet:

Autoren und Kritiker dominieren den literarischen Rezensionsbetrieb: Zwei Drittel aller Rezensionen würdigen die Werke von Autoren, Männer schreiben weit überwiegend über Männer und ihnen steht ein deutlich größerer Raum für Kritiken zur Verfügung. […] Diese Zahlenverhältnisse verweisen auf ein strukturell nachweisbares, geschlechterbezogenes Bias, eine Voreingenommenheit, im Literaturbetrieb und decken sich mit den Ergebnissen anderer Studien zu Geschlechterverhältnissen im Medienbetrieb.

Hinweise darauf, welcher Natur diese geschlechtsbezogene Voreingenommenheit sein könnte, gibt es zuhauf. Es ist noch nicht lange her, da verbreitete Marcel Reich-Ranicki auf allen Kanälen, Frauen könnten keine Romane schreiben, ihre eigentliche Domäne sei die Lyrik, und ohnehin müssten sie mit dem Schreiben ja aufhören, sobald sie Kinder bekämen. Und als Ende der Neunzigerjahre innerhalb kurzer Zeit viele Debütromane von Autorinnen erschienen, reanimierte Volker Hage für seinen betreffenden SPIEGEL-Artikel den Fünfzigerjahre-Begriff des „Fräuleinwunders“. Dass Frauen (und dann auch noch junge, gutaussehende) doch Romane schreiben können, war offenbar eine Überraschung.

Literatur von Autorinnen wird weniger ernst genommen

Nun wird, was verniedlicht wird, selten besonders geachtet. Dasselbe gilt für den problematischen Begriff „Frauenliteratur“, der nicht etwa als Abgrenzung zu dem Begriff „Männerliteratur“ verwendet wird (der quasi nicht existent ist),  sondern als Abgrenzung zu Literatur im Allgemeinen. Die Implikation: Was Frauen schreiben, ist auch für Frauen gedacht. Was Männer schreiben, betrifft alle.

Von der Annahme, dass kaum Literatur sein kann, was Frauen schreiben, zeugt auch die Kolumne, die Harald Martenstein veröffentlichte, als der Fachbereich Philosophie der Universität Oxford im vergangenen Jahr für die Leselisten eine Frauenquote von 40 Prozent einführte. In dem Text mit dem bezeichnenden Titel „Gute Nacht, Abendland“ äußert Martenstein die Sorge:

Wenn sie an den Schulen demnächst Brecht aussortieren, um Rosamunde Pilcher an seine Stelle zu setzen, wäre das schade, auch für die Schülerinnen.

Um das Offensichtliche einmal auszusprechen: Es geht ihm nicht um eine Alternative zu Heinz G. Konsalik, sondern zu Bertolt Brecht. Warum wohl nennt Martenstein nicht Anna Seghers, Irmgard Keun oder Christa Wolf? Er zieht es vor, so zu tun, als könnten Frauen nur Liebesschnulzen. Und er weiß sich sicher aufgehoben bei einer Redaktion, die ihm das durchgehen lässt. Abzuwerten, was Frauen schreiben, ist offensichtlich immer noch legitim. Nehmen Autorinnen sich Themen aus der Sphäre vor, die in vergangenen Jahrhunderten den Männern vorbehalten war, befinden Kritiker, wie die Autorin Tanja Dückers in einem Beitrag für Deutschlandfunk Kultur zusammenfasste, schnell, die Autorin habe sich „verhoben“:

Bei den männlichen Kollegen wird dagegen die „Welthaltigkeit“ und der „Mut ein schwieriges Thema zu bearbeiten“ gelobt. Beliebt ist auch die Herabwürdigung einer Autorin durch Lob: Da beginnt die Rezension nicht mit einem Satz über das Buch, sondern über das schöne Kleid oder den interessanten Lidstrich. Da wird einer Autorin gesagt, die Besprechung ihres neuesten Werks sei nur deshalb so gut ausgefallen, weil sich der Rezensent in das Foto der Autorin auf dem Buchrücken verliebt habe – anders sei die gute Kritik nicht zu erklären.

Veronika Schuchter von der Universität Innsbruck, die in einem großangelegten Forschungsprojekt die Wechselwirkungen von Lektüreerfahrung und Gender, von Kanon und Literaturkritik untersucht, hat beobachtet, dass Autorinnen von Kritikern häufig dafür gelobt werden, Stilmerkmale aufzugreifen, die als männlich gelten. Zum Beispiel heißt es dann, eine Autorin schreibe sehr analytisch oder distanziert, sie „seziert“ oder „nimmt auseinander“. Aber geht es darum, dass Frauen schreiben wie Männer, um dann von Männern dafür gelobt zu werden? Wohl kaum. Schön wäre, auf solche Zuschreibungen verzichten zu können. Aber so weit sind wir offenbar noch nicht.

Die Vorurteile sitzen tief

Eine entscheidende Ursache für die Schieflage ist unsere Lesesozialisation. Die Lehrpläne der Schulen sind männlich dominiert, genau wie „der Kanon“, dessen (sehr moderater) Aktualisierung sich überregionale Tages- und Wochenzeitungen so regelmäßig wie uninspiriert annehmen. Dass im Deutschunterricht mal ein Buch von einer Autorin gelesen wird, ist nach wie vor die Ausnahme, und so ist es für Jungen wie Mädchen von Anfang an normal, dass die Bücher, die ihnen als literarisch wertvoll präsentiert werden, von Männern stammen.

Dabei gibt es natürlich entsprechende Werke von Autorinnen, es gab sie immer schon, wenn auch früher aus bekannten Gründen weniger als heute. Man muss nur genauer hingucken und sie dann auch auswählen. Dabei geht es mir nicht mal um das Fifty-fifty-Argument, das angesichts des herrschenden Gefälles geradezu utopisch erscheint. Wie die Autorin Nina George, die an der Rostocker Studie maßgeblich beteiligt war, vorrechnet, „müsste der Büchnerpreis fortan 45 Jahre lang nur an Frauen vergeben werden“, um Parität zu erreichen. Denn auch bei der Vergabe von Literaturpreisen, von Arbeitsstipendien, bei Übersetzungen in andere Sprachen und bei den Summen, die für Manuskripte gezahlt werden, sind Autorinnen im Nachteil. Es ist einfach so: Wir alle haben mit Sicherheit sehr viel mehr Literatur von Autoren gelesen als von Autorinnen. Es gibt viel nachzuholen und Großartiges zu entdecken.

Die abendländische Kultur ist, wie die britische Althistorikerin Mary Beard in ihrem großartigen Buch Frauen und Macht nachzeichnet, seit Jahrtausenden darin geübt, Frauen den Mund zu verbieten. Seit den alten Griechen wird immer wieder definiert, in welchen Bereichen Frauen sich äußern dürfen respektive ernstgenommen werden (häusliche Sphäre) und in welchen nicht (öffentliche Sphäre). Bis heute bedient man sich dabei der immer selben Herabwürdigungen, wie Beard anhand zahlreicher aktueller Beispiele belegt.

Das Feuilleton hat die Macht, Büchern Wert zuzuschreiben oder abzusprechen, und es entscheidet, welche Titel überhaupt eine Bühne bekommen. Literatur von Autorinnen zu vernachlässigen ist eine Weise, Frauen nicht teilhaben zu lassen. Nicht ohne Grund ist genau diese Erfahrung ein wiederkehrender Topos weiblichen Schreibens, von Marlen Haushofer über Charlotte Perkins Gilman und Ingeborg Bachmann bis heute: zum Schweigen gebracht zu werden, zu verstummen, zu verschwinden.

„Difference is a teacher“

Das gehört zu den spannenden Entdeckungen, die ich mache, seit ich überwiegend Literatur von Frauen lese und für meinen Blog bespreche: wiederkehrende Topoi, weit über Naheliegendes wie die Erfahrung von Schwangerschaft oder Mutter-Kind-Beziehungen hinaus. Es sind zum Beispiel Themen wie Wut und Sprachlosigkeit, Bilder des Eingesperrtseins und der Flucht, Motive wie das der Doppelgängerin, die sich den Konventionen nicht beugt, die in verschiedenen Variationen durchgespielt werden von Deborah Levy und Barbara Gowdy, Claire Messud und Claire Fuller, Mareike Krügel und Elena Ferrante, Jennifer Kitses und Rachel Cusk, Lina Wolff und Meg Wolitzer, Julia Jessen und Delphine de Vigan. Es sind andere Erfahrungen, andere Perspektiven, die nach dem männerdominierten Lesen in der Schule und an der Uni nicht nur eine Abwechslung und eine Bereicherung sind, sondern geradezu eine Offenbarung.

Romane haben die Macht, uns fremde Erfahrungen und Gefühle näherzubringen. Lesen heißt nachempfinden, es lehrt Empathie. Und deshalb hat es Folgen, wenn Mädchen qua Lektüre zwar von klein auf männliche Perspektiven einnehmen, Jungs aber so gut wie keine weiblichen. „Difference is a teacher“, bringt es die Australierin Hannah Gadsby in ihrem wunderbaren Bühnenprogramm Nanette auf den Punkt.

Margaret Atwood sieht im Schreiben wie im Lesen von Romanen einen gesellschaftlichen Wert, weil man sich dabei automatisch in jemand anderen hineinversetzt, ob nun in eine Schwarze oder eine Weiße, einen Hetero- oder einen Homosexuellen, einen Underdog oder eine Mächtige, eine Mutter oder eine Kinderlose, eine Feministin oder einen Macho, einen Mann oder eine Frau. Was man auf diese Weise erfährt, bringt einander näher und bewirkt, dass wir einander besser verstehen. Und darum geht es doch.

Nicole Seifert

Quellen